14.06.2026: O Coto - O Calle (28,1 km)
Gestern Abend gab es noch ein kurzes Gewitter mit etwas Niederschlag, das uns aber weniger gestört hat. Dafür ist die Luft heute Morgen frisch, obwohl es schon recht warm ist. Wir sind wiederum früh auf den Beinen und bleiben unserer Tradition treu, den frühen Vogel zu finden. Der ist auch schon da, und zwar zahlreich. Begrüßt werden wir mit einem netten Konzert in der Dämmerung. Ansonsten sind wir ziemlich alleine auf dem Camino, keine andere Pilgerseele ist zu sehen. Bald erreichen wir Melide, wo auch nur wenige Menschen so früh anzutreffen sind. Nur ein paar Jugendliche scheint die Nacht übrig gelassen zu haben.
Die Kilometrierung des Camino Frances ist in der jüngeren Vergangenheit verändert worden, deshalb stimmen frühere Entfernungsangaben nicht mehr überein. Bestes Beispiel: an der Igrexa Santa Maria de Melide waren es vor acht Jahren bei meinem Camiño Primitivo noch 50 Kilometer. Dort gibt es immer noch einen Souvenirladen mit Namen Km50, wo man einen entsprechenden Stempel bekommt - leider sonntags geschlossen. Unser Weg führt uns jetzt durch Eukalyptuswälder. Die Bäume stehen dort in Reih und Glied wie mit dem Lineal gezogen. Je nachdem, wie der Wind steht, zieht einem ein leichter Duft Eukalyptus in die Nase. Hinter einem Bach, den man über große Steinplatten überquert, befindet sich nun Kilometer 50, allerdings ohne besondere Markierung.
Ein anderes Problem stellt sich aber: bisher konnten wir keine offene Bar für ein Frühstück finden. Das glückt uns erst nach 12 Kilometern in Boente um 8:45 Uhr. Hier sind auch wesentlich mehr andere Pilger unterwegs. Nach einem riesigen Boccadillo und einer ausgiebigen Pause von einer Dreiviertelstunde geht es weiter. Straße und Waldwege, Sonne und Schatten wechseln sich ab. Bereits eine gute Stunde später wird die nächste Rast fällig. Ziel ist die Bar Manuel. Hier ist zweite Station der Pilgerrituale, hier gibt es die hausgemachte Empanada mit Thunfischfüllung. Und nur wenige Schritte weiter in Ribadiso steht Teil 3 an: das Bad im Rio Iso, einem kleinen Bach an einer Brücke. Für unsere Füsse ist das eine willkommene Abwechslung und Erholung. Nach dem Bad im kühlen Wasser passen sie nämlich wieder besser in die Schuhe rein.
Der Wegverlauf ist abwechslungsreich, mal rauf und ma wieder runter. Höhenmeter werden heute wieder ordentlich eingesammelt. Wir erreichen mit Arzúa wieder eine größere Stadt und überall sieht Pilgerscharen. Vor der öffentlichen Herberge sitzen einige mit ihren Rucksäcken und warten auf die Öffnung, das wird aber noch eine Weile dauern. Inzwischen fallen vereinzelt ein paar Tropfen vom Himmel, der etwas dunkler geworden ist. Außerdem ist es leicht schwül geworden.
Hinter Arzúa sind wir wieder ziemlich alleine in den Eukalyptuswäldern unterwegs. Immer wieder ärgern uns die kurzen und knackigen Anstiege. In der Zwischenzeit haben wir 25 Kilometer hinter uns, als wir mitten im Wald eine weitere Bar ansteuern. Hier in Taberna Vella wollten wir eigentlich übernachten, aber meine Anfrage vor vielen Wochen blieb leider unbeantwortet. Jedenfalls schaffen wir das verbleibende Wegstück ohne Probleme und stehen um 14:00 Uhr vor unserer Unterkunft in Calle. Wir haben heute erneut ein Zimmer für uns. Was wir nicht haben, ist ein Abendessen. Die Möglichkeiten sind hier sehr überschaubar. Eine Herberge mit der Möglichkeit ist geschlossen und eine weitere Unterkunft kümmert sich wohl nur um die eigenen Gäste. Ist halt so. Ein Automat in unserem Haus liefert jedenfalls Getränke und kleine Snacks. Dann suchen wir morgen schnellstmöglich eine Bar für ein üppiges Frühstück auf.

















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