Samstag, 20. Juni 2026

Rückblick Camino Frances 2026

20.06.2026: Santiago de Compostela 


Unser Camino Frances ist jetzt Geschichte und es geht heute wieder nach Hause. Wir haben noch fast vier Tage in Santiago verbracht und noch einige Pilger getroffen, die mit uns unterwegs waren. Die Routine der 30 Tage wird uns ab sofort nicht mehr begleiten: gehen - essen und trinken - schlafen. Zumindest nicht mehr in dem bisherigen Rhythmus. Viele Erinnerungen sind präsent, viele sind aber temporär verschwunden. Es sind einfach zuviele, dafür reicht die Festplatte nicht aus. Überfliege ich aber mein Pilgertagebuch oder blättere durch die rund 1000 Fotos, fallen mir direkt Geschichten ein. Geschichten von Menschen, von Orten, von Begebenheiten. Ich könnte dann wahrscheinlich zu jedem Bild etwas erzählen und es würde nicht langweilig werden. Jörg und ich sind am 18. Mai in Cizur Menor gestartet, wenige Kilometer hinter Pamplona. Seitdem haben wir 711,8 Kilometer zurückgelegt und dabei einen Höhenunterschied von 10071 Metern überwunden (das entspricht ungefähr der Reiseflughöhe eines Flugzeugs). Dafür haben wir 143:17 Stunden benötigt (reine Gehzeit). Die Zahlen von Jörg weichen nach oben ab, aber das ist auch eine Tradition von unseren Pilgertouren. Glücklicherweise haben wir den Camino gesundheitlich sehr gut überstanden. Jeder von uns beiden hatte sich eine Blase zugezogen, die jedoch in keinerlei Weise eine Behinderung in den nächsten Tagen darstellte. Wir sind davon überzeugt, dass dafür die regelmäßige Pflege der Füße eine entscheidende Rolle gespielt hat. Dazu gehört natürlich auch die richtige Wahl der Schuhe und der Socken. Jörg hatte ein Paar LaSportiva getragen, ich den Hoka Anacapa Breeze und natürlich meine geliebten Wrightsocks. Ein Paar davon hat den gesamten Weg durchgehalten, in letzten Tagen allerdings mit ein paar Löchern in der äußeren Socke.


Wir haben allem Anschein nach einen guten Zeitraum bezüglich des Wetter gewählt. Die Temperaturen waren überwiegend erträglich, nur selten richtig heiß. Und wenn, dann waren wir bereits in unserer Unterkunft angekommen. Das war auch unser Plan, circa 5:00 Uhr aufstehen, eine Stunde später losgehen und früh die Unterkunft erreichen. Das brachte Zeit zum Erholen, auch bei anstrengenden Etappen. Zum Beginn war es morgens so warm, dass wir sofort in kurzen Sachen starten konnten. Später gab es aber auch Tage, wo das Thermometer unter 10 Grad sank und zumindest der lange Pulli oder die Ärmlinge genutzt wurden. Lediglich an einem Tag hatten wir ganz leichten Niederschlag und holten unsere Regensachen heraus.


Ausrüstung hatte ich deutlich zu viel dabei. Tatsächlich benutzt habe ich nur 2 Hosen ohne Beine, 2 Unterhosen, 1 Fleecepulli, Regenjacke, Schirm, 1 Paar Schuhe und Sandalen, 1 Paar Socken, Schlafsack, 1 Stück Seife, Zahnbürste, 3 kleine Tuben Zahnpasta, 1 Sonnenmilch 50, Gürtel, Bufftuch, Handtuch. Das ging natürlich nur, weil jeden Tag gewaschen wurde. Nicht überlebt hat ein Merino-Shirt (das aber schon vorgeschädigt war), die Socken (die 711 Kilometer durchgehalten haben!) und eine Unterhose. Auffällig war, dass die wenigsten Pilger auf Wanderstiefel zurückgriffen. Laufschuhe sind heute an den Füßen, insbesondere von den Herstellern Hoka und Altra. Viele Pilger laufen auch nur mit Tagesrucksack auf dem Camino, dafür werden zwischen den Unterkünften Koffer in der Größe für einen mehrwöchigen Urlaub transportiert. Wanderstöcke sind aus unserer Sicht für die meisten überflüssig und nur ein Hindernis. Ausnahmen bestätigen die Regel.


Unsere ständigen Begleiter waren Straßen, mal stärker, mal weniger befahren. Meistens wird neben der Fahrbahn ein Pilgerstreifen mit feinem, manchmal auch groben Schotterbelag angeboten. Besonders ist uns die N120 in Erinnerung geblieben, der wir eine ganz schön lange Zeit gefolgt sind. Erst in Galicien ging es viel durch Wald. Hier sind vor allem die von Menschenhand angelegten Eukalyptushaine zu nennen. Auffällig war das starke Vorhandensein von Vögeln, deren Gezwitscher überall zu hören war. Gewundert haben wir uns nur, wenn einmal auf einem Kirch- oder Glockenturm kein genutztes Storchennest platziert war. Was uns gut gefallen hat, waren die unzähligen kleinen Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben ist, die aber Charme haben. Vor allem herrscht hier kein Lärm, kaum Autoverkehr und keine Hektik wie in den großen Städten, von denen es entlang des Camino Francés nur eine Handvoll gibt. 


Dementsprechend haben wir unsere Etappenorte ausgesucht. Wir wollten asymmetrisch vorwärts kommen, die üblichen Orte, die Pilger nutzen, auslassen. Zu Beginn schien es so, als sei gerade jetzt der Camino sehr gut besucht. Es gab hin und wieder Schwierigkeiten, freie Betten zu bekommen. Die ersten Tage waren bereits reserviert, es folgten im Laufe der Zeit weitere und für Santiago wurden die Unterkünfte sage und schreibe drei Wochen im Voraus festgemacht (was aber an einem Festival auf dem Monte de Gozo lag). Schade, dass einige Herbergen auf meine Anfragen nicht geantwortet haben. Die Unterkünfte waren in der Regel gut bis sehr gut; hervorzuheben sind die Herbergen in Cirauqui, San Juan de Ortega und Astorga.


Über das Essen habe ich noch gar nichts geschrieben. Vorweg: wir haben nicht einmal selbst gekocht wie in der Vergangenheit - ok, meistens hat Jörg sich um ein gutes Essen gekümmert, das will ich nicht verheimlichen. Morgens sind wir fast immer ein bis zwei Stunden auf dem Weg gewesen, bevor es ein Frühstück gab. Das bestand meistens aus Bocadillos oder Tortilla und einem Café con leche. Am besten waren die Pilgermenüs, die in den Herbergen selbst zubereitet wurden. Hierbei ist erneut die Albergue Maralotx ganz vorne dabei mit dem servierten Pilzeintopf. Wenn es in den Unterkünften kein Verpflegungsangebot gab, hatten wir eigentlich immer die Möglichkeit, ein Pilgermenü in einem Restaurant zu bekommen. Preislich spielte sich das zwischen 14 und 18 Euro, zwei Gänge plus Wein, Brot und Dessert. Irgendwann magst du aber keine Pommes mehr und so waren wir froh, zweimal auch Reis auswählen zu können. In Santiago waren wir eigentlich regelmäßig im Restaurant Raxio, vor der Kathedrale stehend die rechte Treppe abwärts und schon ist man da. Sämtliche Speisen - Steak, Pulpo, Salat oder Pizza waren preislich und qualitativ top. Zum Getränk gab es immer eine Kleinigkeit dazu. Ich würde mal sagen: Stammlokal!


Das wichtigste: wir haben tolle und interessante Menschen kennengelernt.

Marion und Uwe: die beiden saßen am ersten Tag in der Herberge in Uterga beim Abendessen mit uns am Tisch. Wir haben uns immer wieder gesehen, verabredet und einige Stunden miteinander verbracht. Vielen Dank dafür, ihr wart unser ständiger Fixpunkt und damit eine Bereicherung für unsere Pilgertour.

Henrietha aus Südafrika: eine quirlige Frau, die immer fröhlich war und mit ihrem Lachen positiv ansteckte. Oft gesehen und in der selben Herberge übernachtet, aber erst in der letzten Woche hatten wir fast täglich Kontakt mit ihr.

Onkel und Neffe aus Süd-Korea: die beiden haben wir vor allem in den Wochen 1 und 2 fast täglich gesehen, uns freundlich begrüßt, aufgemuntert, nach dem Befinden gefragt. Am Ende haben wir sie leider aus den Augen verloren.

DJ Yann aus Wales: so ziemlich am Anfang fiel er uns auf mit seinem kleinen Rucksack und den Badeschlappen, mit denen er unterwegs war. Nervte manchmal mit seinem Gerede, aber ein richtiger Typ vom Camino.

Simone aus Düsseldorf: nur ein paar wenige Tage verbrachte sie in unserem Dunstkreis, musste dann wieder nach Hause. Legte manchmal sehr lange Strecken zurück. Freute sich sehr über den versprochenen Anruf aus Santiago nach unserer Ankunft.

Der Pilger mit dem Esel: ihn haben wir ebenfalls nur ein paar Tage gesehen, hat natürlich alle Blicke auf sich gezogen.

Bruder Joseph: ein amerikanisch-stämmiger Franziskaner, der in einem kleinen Kloster in Irland lebt. Mit ihm hatten wir in der Herberge in La Laguna de Castilla eine nette Unterhaltung und trafen ihn am Donnerstag noch einmal vor der Kathedrale.

Volker aus Köln: öfter mal gesehen und viel erzählt bekommen, ist vom Camino total fasziniert.

Pieter aus den Niederlanden trafen wir mehrfach in oder vor Herbergen und verstanden uns recht gut. 

Weitere Pilger, die uns im Gedächtnis blieben: der asiatische Küchenmeister mit seinen Kochutensilien am Rucksack, die Wackelente aus den USA mit ihrem namensgebenden Gang, der Schornstein aus Südkorea (einer der wenigen Raucher, die wir gesehen haben) aka Knickfuss (sank bei jedem Schritt nach innen ein, hat beim Zusehen schon geschmerzt), Paf aus London (den wir leider aus den Augen verloren haben) …und die vielen anderen Pilger, denen wir begegnet sind, vielleicht nur für einen kleinen Moment oder ein herzliches Buen Camino.  


Zu guter Letzt fand ich es schade, dass viele Kirchen verschlossen waren. Lediglich an einem Pilgergottesdienst konnte ich teilnehmen - in Sahagun. Das lag aber auch daran, dass in unseren Übernachtungsorten einfach keine Kirchen waren und somit keine Gottesdienste angeboten wurden. Das gleiche gilt leider auch für die Kathedrale in Santiago. Für den 12:00 Uhr Pilgergottesdienst muss man sich spätestens um 11:00 Uhr in eine lange Schlange einreihen, die bis zur Praza de Obradoiro reicht. Wer den Eingang zur Kathedrale kennt, kann sich die Länge bestimmt vorstellen, für alle anderen sind das rund 200 Meter. Das war früher nicht so. Heute nehmen viele Touristen den Pilgern die Plätze weg. Das Problem ist aber wohl in Santiago bekannt und man überlegt sich anscheinend Lösungen dafür. Stattdessen nutze ich inzwischen lieber die Möglichkeit zur Teilnahme am Gottesdienst der deutschen Pilgerseelsorge in Santiago. Dennoch ist der Besuch der Kathedrale eine Pflicht. Wir besuchten sie am Donnerstag um 8:00 Uhr, als noch kaum andere Leute dort waren - wir hatten sie fast für uns. Im Anschluss besuchten wir den Gottesdienst der deutschen Pilgerseelsorge in der Igrexa San Fructuoso. Wie immer wurde dieser Gottesdienst sehr schön gestaltet und für mich war er wie schon im letzten Jahr das richtige Ankommen in Santiago. Ich mag nicht mehr diese Massen in der Kathedrale, auf dem Camino ist man auch eher unter wenigen Pilgern.


Wie geht es weiter? Erst einmal wieder im „real life“ ankommen. Es wird nicht der letzte Camino mit Ankunft in Santiago de Compostela gewesen sein. Mal schauen, was die Zukunft bringt.


Am Freitagmorgen trafen wir noch einmal Bruce aus Australien vor der Kathedrale. Dabei sagte er: Mein Gefühl sagt mir, dass es jetzt Zeit ist, wieder nach Hause zu kommen. Dem kann ich nur zustimmen!


Jetzt bin ich an das Ende gelangt und werde eins nicht unterschlagen: nämlich einen riesengroßen Dank an meinen Kameraden, Freund und Pilgerbruder Jörg. Wir sind seit nunmehr 2009 zunächst bei den Pilgerrüstzeiten der evangelischen Militärseelsorge Mainz und Koblenz auf heimischen Jakobs-, Pilger- und Wanderwegen und ab 2011 auch zu zweit durch Frankreich, Portugal und jetzt Spanien unterwegs gewesen. Dabei sind wir durch dick und weniger durch dünn gegangen, haben Herausforderungen gemeistert und fast immer die richtigen Entscheidungen getroffen, um gut das gesteckte Ziel zu erreichen. 


Dienstag, 16. Juni 2026

Ultreia! Auf nach Santiago!

16.06.2026: Lavacolla - Santiago de Compostela (11,5 km)


Heute endet eine Geschichte, die am 06.10.2008 mit einem ersten Schritt auf dem Lahn-Camino in Wetzlar begann. Seitdem sind 106 Pilgertage vergangen, die ich auf dem Lahn- und Mosel-Camino, dem Jakobsweg Trier - Vézelay, der Via Lemovicensis und dem Camino Frances auf direktem Weg nach Santiago de Compostela unterwegs war (alle anderen Caminos lasse ich jetzt mal außen vor). Bei den Pilgerrüstzeiten der Militärseelsorge auf Lahn- und Mosel-Camino und dann durchgehend ab Merzkirchen war Jörg immer an meiner Seite. Gemeinsam haben wir Frankreich und Spanien durchquert. Mit den finalen 11 Kilometern wird heute mein Traum von damals Wirklichkeit, von „der Haustür“ nach Santiago de Compostela zu pilgern.


Ich bin heute deshalb etwas aufgewühlt, habe auch nicht so gut geschlafen. Man hat zwar in den letzten Tagen die Kilometer dahinschmelzen gesehen, aber richtig realisiert habe ich das Ziel erst heute Morgen. Nur ein paar wenige Pilger in unserer Unterkunft sind ebenfalls früh wach. Früh heißt für uns wie immer 5:00 Uhr aufstehen und um 5:50 Uhr starten. Draußen ist es noch ungewöhnlich dunkel und so passiert das, was in den vergangenen fünf Wochen nie passiert ist: wir verlaufen uns zweimal. Das erste Mal bemerken wir sehr schnell den Fehler und kehren frühzeitig um. Beim zweiten Mal in Vilamaior drehen wir eine Schleife, die uns an eine Stelle bringt, an der wir wenige Minuten vorher bereits waren. Das kostet uns ein paar zusätzliche Meter. 


Heute geht es mal wieder eher am Straßenrand entlang, aber zu der frühen Uhrzeit sind erst sehr wenige Autos unterwegs. Es sind auch nur wenige Pilger auf der Strecke. Gestern holten sich zum Beispiel nur 2190 Pilger ihre Compostela im Pilgerbüro ab. Das ist absoluter Tiefstand, während Jörg und ich vor etwas über vier Wochen gestartet sind. Das bestätigt auch unsere Beobachtungen auf dem Camino, die großen Massen haben wir nicht erlebt. Wir nähern uns dem Monte de Gozo und auf einmal raschelt es links neben mir im Gebüsch. Ehe ich es realisiere springt ein ausgewachsener Dachs heraus und wechselt vor mir eilig die Straßenseite.


Es ist übrigens kühler als die vergangenen Tage und es liegt Feuchtigkeit in der Luft. Kein Wunder, es ist nebelig und die Haut beginnt klebrig zu werden. Es macht bei dem Wetter keinen Sinn, das Pilgerdenkmal auf dem Berg der Freude aufzusuchen. Die Sicht auf die Kathedrale von Santiago wird nicht besonders gut sein. So ziehen wir weiter abwärts in die Stadt hinein. Das Stück zieht sich ganz schön, bis wir endlich in der Altstadt angekommen sind. Auf der Praza de Obradoiro vor der Kathedrale werden wir schon von Henrietha erwartet und freudig begrüßt. Es ist jetzt ungefähr 8:30 Uhr und der Platz ist noch relativ wenig  besucht. Wir freuen uns auch, sie hier noch einmal zu sehen, denn wir sind uns in den letzten Wochen immer wieder über den Weg gelaufen. Sie ist eine der besonderen Personen dieses Caminos und bekommt dafür einen unserer Patches geschenkt.


Ja, wir haben es geschafft. Wir haben den Camino Frances mit seinen rund 780 Kilometern sehr gut und ohne größere Blessuren hinbekommen. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, dazu wird es einen gesonderten Beitrag geben. Wir wollen jetzt zuerst zum Pilgerbüro gehen, und unsere Compostela abholen. Dabei passieren wir die Igrexa San Fructuoso, wo neuerdings die Gottesdienste der deutschen Pilgerseelsorge stattfinden. Und wen sehe ich dort im Messgewand stehen? Pfarrer Wolfgang Gramer, den ich schon 2016 und noch in einem anderen Jahr (kann ich auf die Schnelle nicht feststellen) erleben durfte. Wir unterhalten uns ganz kurz, dabei muss ich erfahren, dass er morgen wieder nach Hause reist - schade. 


Vor dem Pilgerbüro treffen wir Marc und kurz darauf wird um 9:00 Uhr die Pforte geöffnet. Jörg bekommt die Nummer 20 und ich die 22. Eine Viertelstunde später halten wir unsere verdienten Pilgerurkunden in der Hand. Auf meiner Distancia stehen jetzt 2540 Kilometer ab Wetzlar, bei Jörg 1800 Kilometer ab Vézelay (seinen Pilgerausweis mit der Strecke davor war nicht auffindbar). Zufrieden und stolz verlassen wir das Pilgerbüro und nehmen ein üppiges Frühstück in der Bar Cañadú ein - so wie im vergangenen Jahr nach dem Camino Portugues. Was macht man dann noch bis zur Öffnung der Herberge? Man begibt sich auf die Praza und wartet auf Pilger, denen man unterwegs begegnet ist. Wie sagt gerade Henrietha: „Das ist das Schönste, was man hier erleben kann.“


Ja, und das Wiedersehen mit Wegbegleitern hat wirklich etwas Bewegendes an sich. Wir begrüßen und beglückwünschen kurz hintereinander Bruce aus Australien, Volker und Pieter. Den Vogel schiesst der Pilger aus Taiwan ab, den wir erst gestern kennengelernt haben: er hat heute Geburtstag und bringt uns noch ein Stück Kuchen. Wir werden ständig gebeten, Fotos für andere Pilger zu machen - da könnte man reich von werden. Den Ankömmlingen ist zum einen die Erleichterung anzusehen und gleichzeitig der Glückseligkeit, den Camino geschafft zu haben - egal, welchen man auch gelaufen ist. Die Zeit ist nun gekommen, in die Herberge zu gehen, die nur wenige Minuten von der Kathedrale entfernt ist. Nach der Dusche wird etwas geruht, gewaschen wird erst in den nächsten Tagen. Auf einmal beginnt es in dem Schlafraum zu schlafen plätschern. Wasser tropft von der Decke aus einer Lampe heraus, danach noch an zwei weiteren Stellen. Zunächst wird das Wasser in Bottichen aufgefangen. Ich bin gespannt, ob man das in den Griff bekommt.






















Montag, 15. Juni 2026

Und noch eine Pause…

15.06.2026: O Calle - Lavacolla (21,1 km)


Allmählich kommen wir zum Abschluss des Camino Frances, heute ist der vorletzte Tag, an dem wir Schuhe, Socken und Waden mit Staub verhüllen. Start ist wie immer gegen 6:00 Uhr, da wird sich auch nichts mehr dran ändern. Obwohl wir gestern kein Abendessen hatten, gehen wir nicht auf dem Zahnfleisch, wünschen uns aber gerne zeitnah eine Möglichkeit zum frühstücken. Die bietet sich - nachdem wir an einigen noch nicht geöffneten Bars vorbeigekommen sind - nach einer Stunde in A Salceda. Ein Kaffee und ein Teilchen müssen zu der frühen Zeit erst einmal reichen. 


Auch heute durchlaufen wir zumeist schattige Wälder und eher weniger an Straßen entlang. Es ist etwas bedeckt, aber angenehm von der Temperatur her. Da unsere Unterkunft in Lavacolla erst um 14:00 Uhr öffnet, haben wir reichlich Zeit. Wir sind auch schon in den vergangenen Tagen etwas langsamer unterwegs, was aber vor allem daran liegt, dass das Profil sehr wellig ist. So fällt die Entscheidung leicht, in O Podrouza gegen 9:00 Uhr eine weitere Unterbrechung einzulegen. Bis hierher haben wir ja auch schon 12 Kilometer zurückgelegt. Diese Pause nutzen wir, um etwas mehr gegen den Hunger zu machen und so dauert es eine Dreiviertelstunde, bis es weitergeht.


Während wir draußen sitzen, kommen ein paar mehr Pilger vorbei, als wir heute bisher gesehen hatten. Dennoch hätten wir mit einem deutlich größeren Pilgerstrom gerechnet. Auffällig ist jedoch, dass wir davon niemanden kennen. Dafür sind die meisten, die mit uns in den Camino Frances eingestiegen sind, aus unserem Umfeld verschwunden. Auffällig ist auch, dass fast alle nur einen kleinen Tagesrucksack dabei haben. Dass ältere Pilger von dem Rucksacktransport Gebrauch machen, kann ich nachvollziehen. Aber auch viele Jüngere bleiben in der Komfortzone, anstatt die wertvolle Erfahrung zu machen, mit wenig auszukommen und das wenige auch selbst mit sich zu führen. Verwundert haben wir in den letzten Wochen die großen Koffer in den Unterkünften gesehen, die auf Abholung gewartet haben. Solche Koffer nehme ich auf eine Urlaubsreise mit und nicht auf einen Pilgerweg.


Die Sonne hat sich jetzt doch durchgesetzt und die Wärme ist deutlich spürbar. Glücklicherweise spenden die ausgedehnten Wälder reichlich Schatten, sodass es uns nicht zu warm wird. Wir haben jetzt 15 Kilometer auf dem Tacho und erreichen die schön gelegene Bar Kilómetro 15. Ab hier sind es noch 15 Kilometer bis Santiago und es ist ein Grund, irgendwie Zeit zu schinden. Also lassen wir uns dort nieder und treffen dort auf Louis aus Leipzig, der vom Camino del Norte gekommen ist. Kurz darauf vernehmen wir ein bekanntes Lachen - es ist Henrietha. Sie wird von Marc aus Idaho begleitet und sie setzen sich zu uns. Sie hat heute kein Gepäck dabei, weil sie 45 Kilometer bis Santiago laufen will - Respekt. Aus der kurzen Pause wird wird nichts, es gibt einiges zu erzählen.


Nach wieder einer Dreiviertelstunde machen wir uns auf den Weg. Es geht noch einmal aufwärts zum Flughafen, der erst vor kurzem eine neue Startbahn erhalten hat. Nach der Umrundung des Geländes startet gerade ein Flieger in den Himmel. Nachdem wir vom Flughafen nach rechts abgebogen sind, erreichen wir San Paio. Es hilft nichts, wir müssen erneut anhalten - von einem Tisch winken und Henrietha und Marc zu, daneben sitzt ein Pilger aus Taiwan. Auch diese vierte Pause dauert wieder eine Dreiviertelstunde. Gefühlt haben wir heute länger pausiert als gelaufen. Aber das gehört dazu. Zu unserem asiatischen Pilger gesellt sich noch Joseph, ein älterer italienischer Pilger. Die beiden sind bei Schneefall über die Pyrenäen gezogen und haben sich seitdem nur selten gesehen. Camino-Geschichten halt.


Jetzt sind es nur noch zwei Kilometer bis Lavacolla, das wir um 13:30 Uhr erreichen. Gut getimt, halbe Stunde warten und zugewiesenes Bett vereinnahmen. Duschen, waschen, ausruhen. Inzwischen bekamen wir auch Nachricht von Marion und Uwe. Die beiden bleiben heute in dem Örtchen unserer ersten Rast am Morgen. Außerdem ist noch ein Laufkamerad von mir auf dem Camino Ingles unterwegs und wird wie die beiden am Mittwoch in Santiago eintreffen. 













Sonntag, 14. Juni 2026

Pulpo, Empanada y Baño

14.06.2026: O Coto - O Calle (28,1 km)


Gestern Abend gab es noch ein kurzes Gewitter mit etwas Niederschlag, das uns aber weniger gestört hat. Dafür ist die Luft heute Morgen frisch, obwohl es schon recht warm ist. Wir sind wiederum früh auf den Beinen und bleiben unserer Tradition treu, den frühen Vogel zu finden. Der ist auch schon da, und zwar zahlreich. Begrüßt werden wir mit einem netten Konzert in der Dämmerung. Ansonsten sind wir ziemlich alleine auf dem Camino, keine andere Pilgerseele ist zu sehen. Bald erreichen wir Melide, wo auch nur wenige Menschen so früh anzutreffen sind. Nur ein paar Jugendliche scheint die Nacht übrig gelassen zu haben.


Die Kilometrierung des Camino Frances ist in der jüngeren Vergangenheit verändert worden, deshalb stimmen frühere Entfernungsangaben nicht mehr überein. Bestes Beispiel: an der Igrexa Santa Maria de Melide waren es vor acht Jahren bei meinem Camiño Primitivo noch 50 Kilometer. Dort gibt es immer noch einen Souvenirladen mit Namen Km50, wo man einen entsprechenden Stempel bekommt - leider sonntags geschlossen. Unser Weg führt uns jetzt durch Eukalyptuswälder. Die Bäume stehen dort in Reih und Glied wie mit dem Lineal gezogen. Je nachdem, wie der Wind steht, zieht einem ein leichter Duft Eukalyptus in die Nase. Hinter einem Bach, den man über große Steinplatten überquert, befindet sich nun Kilometer 50, allerdings ohne besondere Markierung.


Ein anderes Problem stellt sich aber: bisher konnten wir keine offene Bar für ein Frühstück finden. Das glückt uns erst nach 12 Kilometern in Boente um 8:45 Uhr. Hier sind auch wesentlich mehr andere Pilger unterwegs. Nach einem riesigen Boccadillo und einer ausgiebigen Pause von einer Dreiviertelstunde geht es weiter. Straße und Waldwege, Sonne und Schatten wechseln sich ab. Bereits eine gute Stunde später wird die nächste Rast fällig. Ziel ist die Bar Manuel. Hier ist zweite Station der Pilgerrituale, hier gibt es die hausgemachte Empanada mit Thunfischfüllung. Und nur wenige Schritte weiter in Ribadiso steht Teil 3 an: das Bad im Rio Iso, einem kleinen Bach an einer Brücke. Für unsere Füsse ist das eine willkommene Abwechslung und Erholung. Nach dem Bad im kühlen Wasser passen sie nämlich wieder besser in die Schuhe rein.


Der Wegverlauf ist abwechslungsreich, mal rauf und ma wieder runter. Höhenmeter werden heute wieder ordentlich eingesammelt. Wir erreichen mit Arzúa wieder eine größere Stadt und überall sieht Pilgerscharen. Vor der öffentlichen Herberge sitzen einige mit ihren Rucksäcken und warten auf die Öffnung, das wird aber noch eine Weile dauern. Inzwischen fallen vereinzelt ein paar Tropfen vom Himmel, der etwas dunkler geworden ist. Außerdem ist es leicht schwül geworden. 


Hinter Arzúa sind wir wieder ziemlich alleine in den Eukalyptuswäldern unterwegs. Immer wieder ärgern uns die kurzen und knackigen  Anstiege. In der Zwischenzeit haben wir 25 Kilometer hinter uns, als wir mitten im Wald eine weitere Bar ansteuern. Hier in Taberna Vella wollten wir eigentlich übernachten, aber meine Anfrage vor vielen Wochen blieb leider unbeantwortet. Jedenfalls schaffen wir das verbleibende Wegstück ohne Probleme und stehen um 14:00 Uhr vor unserer Unterkunft in Calle. Wir haben heute erneut ein Zimmer für uns. Was wir nicht haben, ist ein Abendessen. Die Möglichkeiten sind hier sehr überschaubar. Eine Herberge mit der Möglichkeit ist geschlossen und eine weitere Unterkunft kümmert sich wohl nur um die eigenen Gäste. Ist halt so. Ein Automat in unserem Haus liefert jedenfalls Getränke und kleine Snacks. Dann suchen wir morgen schnellstmöglich eine Bar für ein üppiges Frühstück auf.