20.06.2026: Santiago de Compostela
Unser Camino Frances ist jetzt Geschichte und es geht heute wieder nach Hause. Wir haben noch fast vier Tage in Santiago verbracht und noch einige Pilger getroffen, die mit uns unterwegs waren. Die Routine der 30 Tage wird uns ab sofort nicht mehr begleiten: gehen - essen und trinken - schlafen. Zumindest nicht mehr in dem bisherigen Rhythmus. Viele Erinnerungen sind präsent, viele sind aber temporär verschwunden. Es sind einfach zuviele, dafür reicht die Festplatte nicht aus. Überfliege ich aber mein Pilgertagebuch oder blättere durch die rund 1000 Fotos, fallen mir direkt Geschichten ein. Geschichten von Menschen, von Orten, von Begebenheiten. Ich könnte dann wahrscheinlich zu jedem Bild etwas erzählen und es würde nicht langweilig werden. Jörg und ich sind am 18. Mai in Cizur Menor gestartet, wenige Kilometer hinter Pamplona. Seitdem haben wir 711,8 Kilometer zurückgelegt und dabei einen Höhenunterschied von 10071 Metern überwunden (das entspricht ungefähr der Reiseflughöhe eines Flugzeugs). Dafür haben wir 143:17 Stunden benötigt (reine Gehzeit). Die Zahlen von Jörg weichen nach oben ab, aber das ist auch eine Tradition von unseren Pilgertouren. Glücklicherweise haben wir den Camino gesundheitlich sehr gut überstanden. Jeder von uns beiden hatte sich eine Blase zugezogen, die jedoch in keinerlei Weise eine Behinderung in den nächsten Tagen darstellte. Wir sind davon überzeugt, dass dafür die regelmäßige Pflege der Füße eine entscheidende Rolle gespielt hat. Dazu gehört natürlich auch die richtige Wahl der Schuhe und der Socken. Jörg hatte ein Paar LaSportiva getragen, ich den Hoka Anacapa Breeze und natürlich meine geliebten Wrightsocks. Ein Paar davon hat den gesamten Weg durchgehalten, in letzten Tagen allerdings mit ein paar Löchern in der äußeren Socke.
Wir haben allem Anschein nach einen guten Zeitraum bezüglich des Wetter gewählt. Die Temperaturen waren überwiegend erträglich, nur selten richtig heiß. Und wenn, dann waren wir bereits in unserer Unterkunft angekommen. Das war auch unser Plan, circa 5:00 Uhr aufstehen, eine Stunde später losgehen und früh die Unterkunft erreichen. Das brachte Zeit zum Erholen, auch bei anstrengenden Etappen. Zum Beginn war es morgens so warm, dass wir sofort in kurzen Sachen starten konnten. Später gab es aber auch Tage, wo das Thermometer unter 10 Grad sank und zumindest der lange Pulli oder die Ärmlinge genutzt wurden. Lediglich an einem Tag hatten wir ganz leichten Niederschlag und holten unsere Regensachen heraus.
Ausrüstung hatte ich deutlich zu viel dabei. Tatsächlich benutzt habe ich nur 2 Hosen ohne Beine, 2 Unterhosen, 1 Fleecepulli, Regenjacke, Schirm, 1 Paar Schuhe und Sandalen, 1 Paar Socken, Schlafsack, 1 Stück Seife, Zahnbürste, 3 kleine Tuben Zahnpasta, 1 Sonnenmilch 50, Gürtel, Bufftuch, Handtuch. Das ging natürlich nur, weil jeden Tag gewaschen wurde. Nicht überlebt hat ein Merino-Shirt (das aber schon vorgeschädigt war), die Socken (die 711 Kilometer durchgehalten haben!) und eine Unterhose. Auffällig war, dass die wenigsten Pilger auf Wanderstiefel zurückgriffen. Laufschuhe sind heute an den Füßen, insbesondere von den Herstellern Hoka und Altra. Viele Pilger laufen auch nur mit Tagesrucksack auf dem Camino, dafür werden zwischen den Unterkünften Koffer in der Größe für einen mehrwöchigen Urlaub transportiert. Wanderstöcke sind aus unserer Sicht für die meisten überflüssig und nur ein Hindernis. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Unsere ständigen Begleiter waren Straßen, mal stärker, mal weniger befahren. Meistens wird neben der Fahrbahn ein Pilgerstreifen mit feinem, manchmal auch groben Schotterbelag angeboten. Besonders ist uns die N120 in Erinnerung geblieben, der wir eine ganz schön lange Zeit gefolgt sind. Erst in Galicien ging es viel durch Wald. Hier sind vor allem die von Menschenhand angelegten Eukalyptushaine zu nennen. Auffällig war das starke Vorhandensein von Vögeln, deren Gezwitscher überall zu hören war. Gewundert haben wir uns nur, wenn einmal auf einem Kirch- oder Glockenturm kein genutztes Storchennest platziert war. Was uns gut gefallen hat, waren die unzähligen kleinen Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben ist, die aber Charme haben. Vor allem herrscht hier kein Lärm, kaum Autoverkehr und keine Hektik wie in den großen Städten, von denen es entlang des Camino Francés nur eine Handvoll gibt.
Dementsprechend haben wir unsere Etappenorte ausgesucht. Wir wollten asymmetrisch vorwärts kommen, die üblichen Orte, die Pilger nutzen, auslassen. Zu Beginn schien es so, als sei gerade jetzt der Camino sehr gut besucht. Es gab hin und wieder Schwierigkeiten, freie Betten zu bekommen. Die ersten Tage waren bereits reserviert, es folgten im Laufe der Zeit weitere und für Santiago wurden die Unterkünfte sage und schreibe drei Wochen im Voraus festgemacht (was aber an einem Festival auf dem Monte de Gozo lag). Schade, dass einige Herbergen auf meine Anfragen nicht geantwortet haben. Die Unterkünfte waren in der Regel gut bis sehr gut; hervorzuheben sind die Herbergen in Cirauqui, San Juan de Ortega und Astorga.
Über das Essen habe ich noch gar nichts geschrieben. Vorweg: wir haben nicht einmal selbst gekocht wie in der Vergangenheit - ok, meistens hat Jörg sich um ein gutes Essen gekümmert, das will ich nicht verheimlichen. Morgens sind wir fast immer ein bis zwei Stunden auf dem Weg gewesen, bevor es ein Frühstück gab. Das bestand meistens aus Bocadillos oder Tortilla und einem Café con leche. Am besten waren die Pilgermenüs, die in den Herbergen selbst zubereitet wurden. Hierbei ist erneut die Albergue Maralotx ganz vorne dabei mit dem servierten Pilzeintopf. Wenn es in den Unterkünften kein Verpflegungsangebot gab, hatten wir eigentlich immer die Möglichkeit, ein Pilgermenü in einem Restaurant zu bekommen. Preislich spielte sich das zwischen 14 und 18 Euro, zwei Gänge plus Wein, Brot und Dessert. Irgendwann magst du aber keine Pommes mehr und so waren wir froh, zweimal auch Reis auswählen zu können. In Santiago waren wir eigentlich regelmäßig im Restaurant Raxio, vor der Kathedrale stehend die rechte Treppe abwärts und schon ist man da. Sämtliche Speisen - Steak, Pulpo, Salat oder Pizza waren preislich und qualitativ top. Zum Getränk gab es immer eine Kleinigkeit dazu. Ich würde mal sagen: Stammlokal!
Das wichtigste: wir haben tolle und interessante Menschen kennengelernt.
Marion und Uwe: die beiden saßen am ersten Tag in der Herberge in Uterga beim Abendessen mit uns am Tisch. Wir haben uns immer wieder gesehen, verabredet und einige Stunden miteinander verbracht. Vielen Dank dafür, ihr wart unser ständiger Fixpunkt und damit eine Bereicherung für unsere Pilgertour.
Henrietha aus Südafrika: eine quirlige Frau, die immer fröhlich war und mit ihrem Lachen positiv ansteckte. Oft gesehen und in der selben Herberge übernachtet, aber erst in der letzten Woche hatten wir fast täglich Kontakt mit ihr.
Onkel und Neffe aus Süd-Korea: die beiden haben wir vor allem in den Wochen 1 und 2 fast täglich gesehen, uns freundlich begrüßt, aufgemuntert, nach dem Befinden gefragt. Am Ende haben wir sie leider aus den Augen verloren.
DJ Yann aus Wales: so ziemlich am Anfang fiel er uns auf mit seinem kleinen Rucksack und den Badeschlappen, mit denen er unterwegs war. Nervte manchmal mit seinem Gerede, aber ein richtiger Typ vom Camino.
Simone aus Düsseldorf: nur ein paar wenige Tage verbrachte sie in unserem Dunstkreis, musste dann wieder nach Hause. Legte manchmal sehr lange Strecken zurück. Freute sich sehr über den versprochenen Anruf aus Santiago nach unserer Ankunft.
Der Pilger mit dem Esel: ihn haben wir ebenfalls nur ein paar Tage gesehen, hat natürlich alle Blicke auf sich gezogen.
Bruder Joseph: ein amerikanisch-stämmiger Franziskaner, der in einem kleinen Kloster in Irland lebt. Mit ihm hatten wir in der Herberge in La Laguna de Castilla eine nette Unterhaltung und trafen ihn am Donnerstag noch einmal vor der Kathedrale.
Volker aus Köln: öfter mal gesehen und viel erzählt bekommen, ist vom Camino total fasziniert.
Pieter aus den Niederlanden trafen wir mehrfach in oder vor Herbergen und verstanden uns recht gut.
Weitere Pilger, die uns im Gedächtnis blieben: der asiatische Küchenmeister mit seinen Kochutensilien am Rucksack, die Wackelente aus den USA mit ihrem namensgebenden Gang, der Schornstein aus Südkorea (einer der wenigen Raucher, die wir gesehen haben) aka Knickfuss (sank bei jedem Schritt nach innen ein, hat beim Zusehen schon geschmerzt), Paf aus London (den wir leider aus den Augen verloren haben) …und die vielen anderen Pilger, denen wir begegnet sind, vielleicht nur für einen kleinen Moment oder ein herzliches Buen Camino.
Zu guter Letzt fand ich es schade, dass viele Kirchen verschlossen waren. Lediglich an einem Pilgergottesdienst konnte ich teilnehmen - in Sahagun. Das lag aber auch daran, dass in unseren Übernachtungsorten einfach keine Kirchen waren und somit keine Gottesdienste angeboten wurden. Das gleiche gilt leider auch für die Kathedrale in Santiago. Für den 12:00 Uhr Pilgergottesdienst muss man sich spätestens um 11:00 Uhr in eine lange Schlange einreihen, die bis zur Praza de Obradoiro reicht. Wer den Eingang zur Kathedrale kennt, kann sich die Länge bestimmt vorstellen, für alle anderen sind das rund 200 Meter. Das war früher nicht so. Heute nehmen viele Touristen den Pilgern die Plätze weg. Das Problem ist aber wohl in Santiago bekannt und man überlegt sich anscheinend Lösungen dafür. Stattdessen nutze ich inzwischen lieber die Möglichkeit zur Teilnahme am Gottesdienst der deutschen Pilgerseelsorge in Santiago. Dennoch ist der Besuch der Kathedrale eine Pflicht. Wir besuchten sie am Donnerstag um 8:00 Uhr, als noch kaum andere Leute dort waren - wir hatten sie fast für uns. Im Anschluss besuchten wir den Gottesdienst der deutschen Pilgerseelsorge in der Igrexa San Fructuoso. Wie immer wurde dieser Gottesdienst sehr schön gestaltet und für mich war er wie schon im letzten Jahr das richtige Ankommen in Santiago. Ich mag nicht mehr diese Massen in der Kathedrale, auf dem Camino ist man auch eher unter wenigen Pilgern.
Wie geht es weiter? Erst einmal wieder im „real life“ ankommen. Es wird nicht der letzte Camino mit Ankunft in Santiago de Compostela gewesen sein. Mal schauen, was die Zukunft bringt.
Am Freitagmorgen trafen wir noch einmal Bruce aus Australien vor der Kathedrale. Dabei sagte er: Mein Gefühl sagt mir, dass es jetzt Zeit ist, wieder nach Hause zu kommen. Dem kann ich nur zustimmen!
Jetzt bin ich an das Ende gelangt und werde eins nicht unterschlagen: nämlich einen riesengroßen Dank an meinen Kameraden, Freund und Pilgerbruder Jörg. Wir sind seit nunmehr 2009 zunächst bei den Pilgerrüstzeiten der evangelischen Militärseelsorge Mainz und Koblenz auf heimischen Jakobs-, Pilger- und Wanderwegen und ab 2011 auch zu zweit durch Frankreich, Portugal und jetzt Spanien unterwegs gewesen. Dabei sind wir durch dick und weniger durch dünn gegangen, haben Herausforderungen gemeistert und fast immer die richtigen Entscheidungen getroffen, um gut das gesteckte Ziel zu erreichen.
















































