16.06.2026: Lavacolla - Santiago de Compostela (11,5 km)
Heute endet eine Geschichte, die am 06.10.2008 mit einem ersten Schritt auf dem Lahn-Camino in Wetzlar begann. Seitdem sind 106 Pilgertage vergangen, die ich auf dem Lahn- und Mosel-Camino, dem Jakobsweg Trier - Vézelay, der Via Lemovicensis und dem Camino Frances auf direktem Weg nach Santiago de Compostela unterwegs war (alle anderen Caminos lasse ich jetzt mal außen vor). Bei den Pilgerrüstzeiten der Militärseelsorge auf Lahn- und Mosel-Camino und dann durchgehend ab Merzkirchen war Jörg immer an meiner Seite. Gemeinsam haben wir Frankreich und Spanien durchquert. Mit den finalen 11 Kilometern wird heute mein Traum von damals Wirklichkeit, von „der Haustür“ nach Santiago de Compostela zu pilgern.
Ich bin heute deshalb etwas aufgewühlt, habe auch nicht so gut geschlafen. Man hat zwar in den letzten Tagen die Kilometer dahinschmelzen gesehen, aber richtig realisiert habe ich das Ziel erst heute Morgen. Nur ein paar wenige Pilger in unserer Unterkunft sind ebenfalls früh wach. Früh heißt für uns wie immer 5:00 Uhr aufstehen und um 5:50 Uhr starten. Draußen ist es noch ungewöhnlich dunkel und so passiert das, was in den vergangenen fünf Wochen nie passiert ist: wir verlaufen uns zweimal. Das erste Mal bemerken wir sehr schnell den Fehler und kehren frühzeitig um. Beim zweiten Mal in Vilamaior drehen wir eine Schleife, die uns an eine Stelle bringt, an der wir wenige Minuten vorher bereits waren. Das kostet uns ein paar zusätzliche Meter.
Heute geht es mal wieder eher am Straßenrand entlang, aber zu der frühen Uhrzeit sind erst sehr wenige Autos unterwegs. Es sind auch nur wenige Pilger auf der Strecke. Gestern holten sich zum Beispiel nur 2190 Pilger ihre Compostela im Pilgerbüro ab. Das ist absoluter Tiefstand, während Jörg und ich vor etwas über vier Wochen gestartet sind. Das bestätigt auch unsere Beobachtungen auf dem Camino, die großen Massen haben wir nicht erlebt. Wir nähern uns dem Monte de Gozo und auf einmal raschelt es links neben mir im Gebüsch. Ehe ich es realisiere springt ein ausgewachsener Dachs heraus und wechselt vor mir eilig die Straßenseite.
Es ist übrigens kühler als die vergangenen Tage und es liegt Feuchtigkeit in der Luft. Kein Wunder, es ist nebelig und die Haut beginnt klebrig zu werden. Es macht bei dem Wetter keinen Sinn, das Pilgerdenkmal auf dem Berg der Freude aufzusuchen. Die Sicht auf die Kathedrale von Santiago wird nicht besonders gut sein. So ziehen wir weiter abwärts in die Stadt hinein. Das Stück zieht sich ganz schön, bis wir endlich in der Altstadt angekommen sind. Auf der Praza de Obradoiro vor der Kathedrale werden wir schon von Henrietha erwartet und freudig begrüßt. Es ist jetzt ungefähr 8:30 Uhr und der Platz ist noch relativ wenig besucht. Wir freuen uns auch, sie hier noch einmal zu sehen, denn wir sind uns in den letzten Wochen immer wieder über den Weg gelaufen. Sie ist eine der besonderen Personen dieses Caminos und bekommt dafür einen unserer Patches geschenkt.
Ja, wir haben es geschafft. Wir haben den Camino Frances mit seinen rund 780 Kilometern sehr gut und ohne größere Blessuren hinbekommen. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, dazu wird es einen gesonderten Beitrag geben. Wir wollen jetzt zuerst zum Pilgerbüro gehen, und unsere Compostela abholen. Dabei passieren wir die Igrexa San Fructuoso, wo neuerdings die Gottesdienste der deutschen Pilgerseelsorge stattfinden. Und wen sehe ich dort im Messgewand stehen? Pfarrer Wolfgang Gramer, den ich schon 2016 und noch in einem anderen Jahr (kann ich auf die Schnelle nicht feststellen) erleben durfte. Wir unterhalten uns ganz kurz, dabei muss ich erfahren, dass er morgen wieder nach Hause reist - schade.
Vor dem Pilgerbüro treffen wir Marc und kurz darauf wird um 9:00 Uhr die Pforte geöffnet. Jörg bekommt die Nummer 20 und ich die 22. Eine Viertelstunde später halten wir unsere verdienten Pilgerurkunden in der Hand. Auf meiner Distancia stehen jetzt 2540 Kilometer ab Wetzlar, bei Jörg 1800 Kilometer ab Vézelay (seinen Pilgerausweis mit der Strecke davor war nicht auffindbar). Zufrieden und stolz verlassen wir das Pilgerbüro und nehmen ein üppiges Frühstück in der Bar Cañadú ein - so wie im vergangenen Jahr nach dem Camino Portugues. Was macht man dann noch bis zur Öffnung der Herberge? Man begibt sich auf die Praza und wartet auf Pilger, denen man unterwegs begegnet ist. Wie sagt gerade Henrietha: „Das ist das Schönste, was man hier erleben kann.“
Ja, und das Wiedersehen mit Wegbegleitern hat wirklich etwas Bewegendes an sich. Wir begrüßen und beglückwünschen kurz hintereinander Bruce aus Australien, Volker und Pieter. Den Vogel schiesst der Pilger aus Taiwan ab, den wir erst gestern kennengelernt haben: er hat heute Geburtstag und bringt uns noch ein Stück Kuchen. Wir werden ständig gebeten, Fotos für andere Pilger zu machen - da könnte man reich von werden. Den Ankömmlingen ist zum einen die Erleichterung anzusehen und gleichzeitig der Glückseligkeit, den Camino geschafft zu haben - egal, welchen man auch gelaufen ist. Die Zeit ist nun gekommen, in die Herberge zu gehen, die nur wenige Minuten von der Kathedrale entfernt ist. Nach der Dusche wird etwas geruht, gewaschen wird erst in den nächsten Tagen. Auf einmal beginnt es in dem Schlafraum zu schlafen plätschern. Wasser tropft von der Decke aus einer Lampe heraus, danach noch an zwei weiteren Stellen. Zunächst wird das Wasser in Bottichen aufgefangen. Ich bin gespannt, ob man das in den Griff bekommt.




























































