Mittwoch, 20. Mai 2026

Und immer wieder ein Stern…

Trotz entspannter Aufbruchstimmung geht es heute erneut erst kurz vor 8:00 Uhr los. Und wieder sind wir bei den letzten Pilgern, die die Herberge verlassen. Nur noch vier Paar Schuhe stehen im Regal, und das Haus war mit 30 Leuten voll besetzt. Auf einem alten, gepflasterten Weg geht es zunächst abwärts zu einer romanischen Brücke. In der Ferne ist eine Feldformation zu sehen, die uns den ganzen Tag in immer anderen Perspektiven begleiten wird. Und heute sind wir nicht allein, vor uns sind „seltsamerweise“ weitere Pilger in der selben Richtung wie wir unterwegs. Wir laufen überwiegend auf befestigten Wegen, manchmal auch auf feinem Schotter, überqueren alte Brücken und nutzen nahe der Autovía schmucke Unterführungen. Noch ist es kühl, der Himmel ist blau, aber die Sonne macht sich schon bemerkbar. Im Anstieg nach Lorca hat ein pilgerfreundlicher Mensch einen Tisch aufgebaut: frisches Wasser aus dem Kanister, Kekse, Erdnüsse, Oliven und Kirschen. Für eine Spende darf man sich bedienen.


Nach rund acht Kilometern erreichen wir Lorca und wir sind einhellig der Meinung, dass es Zeit für ein Frühstück ist. Die zu der örtlichen Pilgerherberge gehörende Bar bietet dazu auf einem Schild eine Tortilla an. Das Angebot sagt uns zu und schon sitzen wir, vor uns Tortilla, ein Café von Leche und frisch gepresster Orangensaft. Ich werde noch gefragt, ob ich schon einmal dort gewesen sei, es scheint einen Doppelgänger von mir zu geben. Weiter geht es auf zum Teil schattigen Wegen entlang einer Straße, doch zumeist in der nun kräftiger scheinenden Sonne. Die Landschaft ist äußerst grün und frisch, es hat in den letzten Wochen einiges an Niederschlag gegeben. Ein paar Schlammlöcher, die sich uns in den Weg stellen, zeugen davon. 


In Villatuerta weist uns ein Schild darauf hin, dass es „nur“ noch 643 Kilometer bis Santiago sind. Das macht Mut. In der Igelesia La Asunción finden wir das erste Mal die Möglichkeit vor, unser Credencial abstempeln zu lassen - und das gleich in zweifacher Ausfertigung. Vor der Kirche befindet sich eine Statue des San Veremundo, der im 11. Jahrhundert lebte, Abt des Klosters Irache war und maßgeblich an der Entwicklung des Jakobsweges beteiligt war. 


Allmählich holen wir einige Pilger ein, die wesentlich vor uns in Cirauqui gestartet sind. Neben zwei Amerikanerinnen und dem französischen Ehepaar treffen wir auch wiederholt Paf aus London (so haben wir seinen Namen jedenfalls verstanden). Dann wird es erstmals urbaner, wir erreichen mit Estella (= Stern) erstmals eine größere Stadt mit rund 15000 Einwohnern. Aufgrund von Bauarbeiten gibt es einen kleinen Umweg ins Zentrum, wo sich neben dem

Palast der Könige die Touristinfo befindet. Meine Idee, mal schnell einen Stempel abholen, geht nicht auf. Vor uns bekommt ein Paar von der Mitarbeiterin anscheinend die gesamte Stadtgeschichte erzählt. Danach gehe ich noch über eine langgezogene Freitreppe zum wunderbaren Portal der Iglesia San Pedro de la Rúa. Der Aufstieg zu der Kirche aus dem 12. Jahrhundert lohnt sich und wird mit einem weiteren Stempel belohnt. 


Da sich unsere Wasservorräte dem Ende neigen, suchen wir uns eine Einkaufsmöglichkeit und finden diese mit einem kleinen, unscheinbaren Lädchen, der von einer total netten Dame geführt wird. Drei Flaschen Wasser, zwei Bananen und einen Apfel später machen wir uns auf den restlichen Weg des Tages. Es geht noch einmal etwas aufwärts, doch die nahende Bodega Irache motiviert. Zunächst aber finden wir in Ayegui die örtliche Pilgerherberge San Cipriano und mussten unweigerlich an unseren beliebten Militärpfarrer aus Mainz denken. Es dauert danach nicht mehr lange, bis wir vor dem berühmten Weinbrunnen stehen. Während ich einen Schluck koste, füllt Jörg mal schnell eine kleine leere Wasserflasche mit Rotwein. Es folgt vor dem ehemaligen Kloster Irache eine etwas längere Pause, die ich zum Erkunden des großflächig angelegten Gebäudekomplexes nutze. Es gibt einen neuen und einen alten Kreuzgang sowie eine einfache, aber große Kirche der mittelalterlichen Benediktinerabtei zu sehen. 


Nach der ausgiebigen Pause, in der von dem Rotwein nichts übrig geblieben ist, wartet der letzte Abschnitt auf uns, der noch einmal etwas hügelig ist. Rechts von uns ist wieder das Felsmassiv zu sehen und wir quatschen ein wenig mit Paf, der unseren Schritt aber nicht mithalten kann und uns ziehen lässt. Gegen 14:30 Uhr erreichen wir nach einem letzten Anstieg Azqueta und am Ortsausgang unsere Herberge La Perla Negra, die nur 8 Pilgern eine Übernachtungsmöglichkeit anbietet. Aus diesem Grund habe ich für Jörg und mich vorgebucht. Da wir aber eher asymmetrisch unseren Weg geplant haben, übernachten hier nicht ganz so viele Pilger. Heute sind neben uns beiden noch Ian, ein in Australien geborener Holländer mit irischem Namen aus Nimegen sowie Alice aus Minnesota da. Abendessen und Frühstück sind inklusive. Wir bekommen von Helena ein eigenes Zimmer in der Herberge, die im ausgebauten Dachgeschoss ihres Hauses eingerichtet wurde. Kurz nach sieben Uhr werden wir zum Dinner gerufen, es gibt ein leckeres vegetarisches Gericht. Danach sitzen wir zu fünft noch etwas zusammen und unterhalten uns, bis die Müdigkeit uns alle einholt.






















Dienstag, 19. Mai 2026

Sternenhimmel und Postkartenmotiv

19.05.2026: Uterga - Cirauqui (18 km)


Gut geschlafen und erst um 6:30 Uhr aufgewacht, was will man mehr, nach der Anreise. Unser Gastgeber hat Kaffee und ein paar Küchlein zum Frühstück bereitgestellt, allerdings haben sich einige davon reichlich genommen, für uns bleibt nicht mehr viel übrig. Daniel aus Regensburg erzählt uns bei der morgendlichen Runde, dass er es im Schlafraum (mit 24 Betten) nicht ausgehalten und im Garten seine Hängematte in Stellung gebracht hatte. Selbst darin hatte er Schwierigkeiten, einzuschlafen, denn er war fasziniert von dem klaren Sternenhimmel über sich.


Um 7:45 Uhr verlassen wir die Herberge, nur Daniel und eine weitere Pilgerin sind noch da, alle anderen haben sich früher auf den Weg gemacht. Wir laufen gerade mitten durch der Provinz Navarra und werden heute einen kleinen Umweg zur Iglesia Santa Maria de Eunate machen. Es ist ruhig, Vögel zwitschern, Glocken erklingen in der Ferne. Wir durchlaufen Spargelfelder, die wohl nicht mehr abgeerntet werden und erreichen kurz darauf die achteckige Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Man hatte früher gedacht, dass es sich um eine Kirche der Templer handelt, doch aktuellen Forschungen widerlegten dies. Leider wird die Kirche erst im 10:00 Uhr geöffnet, wir sind eine ganze Stunde zu früh hier. Aber dennoch, der Anblick dieses Bauwerks hat sich gelohnt.


Wir laufen weiter nach Obanos, wo wir in einem kleinen Markt Wasser auftanken. Das nächste Ziel wird Puente la Reyna sein, wie wir auf die berühmte Brücke über den Fluss Arga verläuft. Zunächst treffen wir an einer Kreuzung auf eine Jakobus-Skulptur. An dieser Stelle treffen der aragonesische und der navarresische Jakobsweg (den wir gelaufen sind) zusammen. Danach finden wir erstmals eine geöffnete Kirche vor, die Iglesia del Crucifijo, eine Kirche eines früheren Templerklosters aus dem 13./14. Jahrhundert. Kurz darauf schauen wir uns auch die Iglesia Santiago el Mayor aus dem 12. Jahrhundert an. Sehenswert sind auch die Häuser in der schmalen Calle Mayor, die oftmals mit den Wappen der alten Adels- und Bürgerfamilien versehen sind. Wir machen in der Casa Martija eine Pause mit Kaffee und Teilchen. 


Danach wandeln wir über die ehrwürdige mittelalterliche Brücke, die dem Örtchen den Namen gab. Am Ende müssen wir ein wenig verharren, denn einer größeren Schafherde gewähren wir Vorrang. Der weitere Verlauf des Caminos führt uns über befestigte Schotterwege. Die Sonne brennt von hinten ordentlich und plötzlich stehen wir an einem

Schild, das uns einen circa 1 km langen Anstieg von bis zu 21% Steigung anzeigt. Hilft alles nichts, da müssen wir jetzt hoch, und es wird sehr schweißtreibend. Oben angekommen durchlaufen wir Mañeru, dahinter wir mit einem Postkartenmotiv unser Tagesziel Cirauqui sichtbar. Unsere Unterkunft Albergue Maralotx erreichen wir nach einem weiteren Anstieg im Ort selbst gehen 13:10 Uhr. Die Herberge liegt direkt gegenüber der Iglesia San Román (die allerdings nur Mittwochs und Sonntags geöffnet ist). 


Wir werden schon vor der Öffnungszeit als erste freundlich empfangen und melden uns direkt für das Abendessen an. Außerdem haben wir Glück und können uns Betten in einem Zimmer mit fünf Schlafmöglichkeiten aussuchen. Unterwegs haben wir nur sehr wenige Pilger getroffen, die Herberge ist allerdings mit ihren 30 Plätzen vollständig ausgebucht. Zum Abendessen versammeln sich alle in einem stimmungsvollen Gewölbe. Jeder Platz ist bereits mit einem Salat versehen und als Hauptgang wird ein Kichererbseneintopf mit frischen Pilzen serviert - sowas von lecker! Bei uns am Tisch sitzen zwei Australierinnen und ein französisches Ehepaar, es sind aber auch Briten und Amerikaner anwesend und vor allem weitere Französisch sprechende Pilger.



















Montag, 18. Mai 2026

Wo sich der Sternenweg mit dem Weg des Windes kreuzt


18.10,2026: (Frankfurt - Madrid - Pamplona)   Cizur Menor - Urtega (12,7 km)

Irgendwie habe ich die letzten vier Stunden in der CheckIn-Zone 26 im Terminal 2 des Frankfurter Flughafens herumbekommen. Allmählich kehrt auch wieder Leben in die riesigen Hallen. Gegen halb fünf trifft Jörg ein und wir sehen zu, unsere wie Kokons aussehenden, mit Frischhaltefolie ummantelten Rucksäcke abzugeben. 


Wir gehen direkt durch die Sicherheitskontrolle und zum angezeigten Gate, wo uns nicht mehr viel Zeit bis zum Boarding bleibt. Vom Bodenpersonal werden wir gefragt, ob wir unsere Sitzplätze tauschen wollen. Ein älteres Paar aus Argentinien hat zwei Plätze am Notausgang und sie dürfen diese nicht behalten. Da sagen wir doch nicht nein und genießen die Beinfreiheit in Reihe 17. Unser Flieger, eine Bombardier CRJ1000, verlässt pünktlich seinen Abstellplatz auf dem Vorfeld, macht aber dann noch eine Rundfahrt um das Rollfeld. Um 6:45 Uhr heben wir ab in Richtung Madrid, das wir nach einem ruhigen Flug um 8:45 Uhr erreichen. Bis zum Weiterflug nach Pamplona haben wir jetzt über drei Stunden Zeit. Rumgammeln auf dem Flughafen Madrid können wir ja, das haben wir letzten September eine ganze Nacht hinbekommen. Aber zunächst lassen wir uns die von Jörg mitgebrachten belegten Brote und Brötchen.


Wieder sitzen wir pünktlich im Flieger, der nach kurzem Rollen von der Startbahn abhebt. Mit uns reisen weitere Pilger, unschwer an ihrem Gepäck erkennbar. Der Flug nach Pamplona dauert lediglich eine halbe Stunde. Beim Landeanflug ist bereits der Alto de Perdón zu sehen, den wir gleich erklimmen werden. Um 13:15 Uhr steigen wir aus dem Flieger und bekommen  rasch unsere Rücksäcke, die wir von der Folie befreien. Dann zieht es uns auf den Camino Frances. Wir wollen nicht noch einmal vom Flughafen aus ins Zentrum von  Pamplona, verzichten auf die Fahrt zurück in die Stadt und schenken uns damit circa fünf Kilometer und eine Stunde Zeit. Vielmehr fahren wir mit einem Taxi nach Cizur Menor zur Albergue de la Soberana Ordem de Malta, wo wir uns einen ersten Stempel besorgen. Die Herberge liegt unmittelbar am Weg, sodass wir hier unsere erste Etappe für dieses Jahr beginnen können.


Wir haben ideale Bedingungen, das Thermometer einer Apotheke zeigt 21 Grad und es ist etwas bedeckt. Es geht erst gemächlich, dann steiler in Richtung Zariquiegui. Dabei fliegen zwei Englisch sprechende Frauen plaudernd an und vorbei, während wir schnaufend mit dem Berg kämpfen. Kurz darauf werden wir von drei Pilgern eingeholt, einer ist Daniel aus Regensburg. Ihn treffen wir später auch in unserer Herberge. Der Anstieg wird steiler, der Weg wird von Buchsbaum gesäumt. Kurz vor dem 779 Meter hohen Alto de Perdón laufen wir an der  Fuente de Reniega (Quelle der Abkehr) vorbei. Wie so oft gibt es zu verschiedenen Örtlichkeiten auch Legenden. Einem durstigen Pilger erschien der als Pilger verkleidete Teufel und bot ihm Wasser an. Als Gegenleistung sollte er seinem Glauben abschwören. Der Pilger ließ sich auf diesen Handel nicht ein und ging weiter. Kurz darauf wurde er von Jakobus persönlich zu der besagten Quelle geführt.


Danach überwinden wir den mühsamen Anstieg, haben ständig die zahlreichen Windräder vor Augen, deren Surren bereits lange vor der Anhöhe zu hören ist. Auf dem Alto de Perdón fällt sofort die vom  Bildhauer Vicente Galbete 1996 installierte verrostete Skulptur auf. Dargestellt wird eine Karawane von Pilgern mit ihren Fortbewegungsmitteln auf der Zeitachse - vom historischen Pilger in den Anfängen des Jakobsweges bis in die heutige Zeit. Wir selbst reihen uns als „moderne“ Pilger an das rechte Ende des Zuges ein. 


Danach erwartet uns eine letzte Herausforderung: ein Schild weist uns darauf hin, dass der Abstieg ein Gefälle von bis zu 34% haben soll. Unsere Knie freuen sich schon und schreien ganz laut. Die letzten drei Kilometer bis Uterga sind wieder entspannt, unsere Schrittfrequenz nimmt zu und wir treffen gegen 17:30 Uhr in der Herberge Baztán ein. Wir haben vorgebucht und das ist auch gut so, denn das Haus ist ausgebucht. Gerne nehmen wir das Angebot an, am gemeinsamen Abendessen teilzunehmen - es gibt einen Salat und einen Hauptgang mit Pommes frites, Reis mit Spiegelei und entweder Huhn, Schwein oder Fisch sowie Wasser und Wein aus Navarra, Dabei lernen wir einige deutsche Pilger kennen, u.a. aus Limburg und Göttingen. Nach dem Essen sitzen wir noch gemeinsam im Garten bei einem Bier zusammen, bevor wir den Abend müde abschließen.