Trotz entspannter Aufbruchstimmung geht es heute erneut erst kurz vor 8:00 Uhr los. Und wieder sind wir bei den letzten Pilgern, die die Herberge verlassen. Nur noch vier Paar Schuhe stehen im Regal, und das Haus war mit 30 Leuten voll besetzt. Auf einem alten, gepflasterten Weg geht es zunächst abwärts zu einer romanischen Brücke. In der Ferne ist eine Feldformation zu sehen, die uns den ganzen Tag in immer anderen Perspektiven begleiten wird. Und heute sind wir nicht allein, vor uns sind „seltsamerweise“ weitere Pilger in der selben Richtung wie wir unterwegs. Wir laufen überwiegend auf befestigten Wegen, manchmal auch auf feinem Schotter, überqueren alte Brücken und nutzen nahe der Autovía schmucke Unterführungen. Noch ist es kühl, der Himmel ist blau, aber die Sonne macht sich schon bemerkbar. Im Anstieg nach Lorca hat ein pilgerfreundlicher Mensch einen Tisch aufgebaut: frisches Wasser aus dem Kanister, Kekse, Erdnüsse, Oliven und Kirschen. Für eine Spende darf man sich bedienen.
Nach rund acht Kilometern erreichen wir Lorca und wir sind einhellig der Meinung, dass es Zeit für ein Frühstück ist. Die zu der örtlichen Pilgerherberge gehörende Bar bietet dazu auf einem Schild eine Tortilla an. Das Angebot sagt uns zu und schon sitzen wir, vor uns Tortilla, ein Café von Leche und frisch gepresster Orangensaft. Ich werde noch gefragt, ob ich schon einmal dort gewesen sei, es scheint einen Doppelgänger von mir zu geben. Weiter geht es auf zum Teil schattigen Wegen entlang einer Straße, doch zumeist in der nun kräftiger scheinenden Sonne. Die Landschaft ist äußerst grün und frisch, es hat in den letzten Wochen einiges an Niederschlag gegeben. Ein paar Schlammlöcher, die sich uns in den Weg stellen, zeugen davon.
In Villatuerta weist uns ein Schild darauf hin, dass es „nur“ noch 643 Kilometer bis Santiago sind. Das macht Mut. In der Igelesia La Asunción finden wir das erste Mal die Möglichkeit vor, unser Credencial abstempeln zu lassen - und das gleich in zweifacher Ausfertigung. Vor der Kirche befindet sich eine Statue des San Veremundo, der im 11. Jahrhundert lebte, Abt des Klosters Irache war und maßgeblich an der Entwicklung des Jakobsweges beteiligt war.
Allmählich holen wir einige Pilger ein, die wesentlich vor uns in Cirauqui gestartet sind. Neben zwei Amerikanerinnen und dem französischen Ehepaar treffen wir auch wiederholt Paf aus London (so haben wir seinen Namen jedenfalls verstanden). Dann wird es erstmals urbaner, wir erreichen mit Estella (= Stern) erstmals eine größere Stadt mit rund 15000 Einwohnern. Aufgrund von Bauarbeiten gibt es einen kleinen Umweg ins Zentrum, wo sich neben dem
Palast der Könige die Touristinfo befindet. Meine Idee, mal schnell einen Stempel abholen, geht nicht auf. Vor uns bekommt ein Paar von der Mitarbeiterin anscheinend die gesamte Stadtgeschichte erzählt. Danach gehe ich noch über eine langgezogene Freitreppe zum wunderbaren Portal der Iglesia San Pedro de la Rúa. Der Aufstieg zu der Kirche aus dem 12. Jahrhundert lohnt sich und wird mit einem weiteren Stempel belohnt.
Da sich unsere Wasservorräte dem Ende neigen, suchen wir uns eine Einkaufsmöglichkeit und finden diese mit einem kleinen, unscheinbaren Lädchen, der von einer total netten Dame geführt wird. Drei Flaschen Wasser, zwei Bananen und einen Apfel später machen wir uns auf den restlichen Weg des Tages. Es geht noch einmal etwas aufwärts, doch die nahende Bodega Irache motiviert. Zunächst aber finden wir in Ayegui die örtliche Pilgerherberge San Cipriano und mussten unweigerlich an unseren beliebten Militärpfarrer aus Mainz denken. Es dauert danach nicht mehr lange, bis wir vor dem berühmten Weinbrunnen stehen. Während ich einen Schluck koste, füllt Jörg mal schnell eine kleine leere Wasserflasche mit Rotwein. Es folgt vor dem ehemaligen Kloster Irache eine etwas längere Pause, die ich zum Erkunden des großflächig angelegten Gebäudekomplexes nutze. Es gibt einen neuen und einen alten Kreuzgang sowie eine einfache, aber große Kirche der mittelalterlichen Benediktinerabtei zu sehen.
Nach der ausgiebigen Pause, in der von dem Rotwein nichts übrig geblieben ist, wartet der letzte Abschnitt auf uns, der noch einmal etwas hügelig ist. Rechts von uns ist wieder das Felsmassiv zu sehen und wir quatschen ein wenig mit Paf, der unseren Schritt aber nicht mithalten kann und uns ziehen lässt. Gegen 14:30 Uhr erreichen wir nach einem letzten Anstieg Azqueta und am Ortsausgang unsere Herberge La Perla Negra, die nur 8 Pilgern eine Übernachtungsmöglichkeit anbietet. Aus diesem Grund habe ich für Jörg und mich vorgebucht. Da wir aber eher asymmetrisch unseren Weg geplant haben, übernachten hier nicht ganz so viele Pilger. Heute sind neben uns beiden noch Ian, ein in Australien geborener Holländer mit irischem Namen aus Nimegen sowie Alice aus Minnesota da. Abendessen und Frühstück sind inklusive. Wir bekommen von Helena ein eigenes Zimmer in der Herberge, die im ausgebauten Dachgeschoss ihres Hauses eingerichtet wurde. Kurz nach sieben Uhr werden wir zum Dinner gerufen, es gibt ein leckeres vegetarisches Gericht. Danach sitzen wir zu fünft noch etwas zusammen und unterhalten uns, bis die Müdigkeit uns alle einholt.























































