Dienstag, 2. Juni 2026

Die Bocadillos werden wieder größer

02.06.2026: Sahagún - Reliegos (30 km)

Der heutige Tag steht unter dem Motto „Kopf ausschalten und losgehen“, sowie das Duracell-Männchen. Am Ende des Tages sind wir eigentlich die kompletten 30 Kilometer auf der Straße gelaufen. Doch beginnen wir am Morgen. Wahrscheinlich war die längste zu bewältigende Etappe in den Köpfen, sodass wir schon vor fünf Uhr wach sind. Als alles verpackt ist, nutzen wir die Gelegenheit, noch ein kleines Frühstück zu uns zu nehmen. Von Seiten der Herberge wird ab 7:00 Uhr ein Frühstück auf Spendenbasis angeboten. Wer früher losziehen möchte, kann aber trotzdem aus einer kleinen Auswahl zugreifen. Sogar etwas Wurst und Käse steht gut verpackt zur Verfügung. Zum Dank wird die Spendenbox gefüllt inklusive des 5-Euro-Scheines, den ich gestern Abend im Innenhof gefunden habe. Kurz vor 6:00 Uhr geht es los. Nach wenigen Schritten machen wir noch einmal Halt für ein besonderes Foto.


Wie in den vergangenen Tagen ist es kühl, allerdings kommt heute ein ordentlicher Wind dazu, der die Außentemperatur noch mal einmal kälter erscheinen lässt. Da hilft nur eins: ich ziehe meinen langärmeligen Pulli und Jörg seine Ärmlinge an. Damit lässt es sich aushalten. Wir laufen entlang einer Straße, lassen den Pilgerpfad links neben uns liegen. Auf der Straße lässt es sich besser gehen als auf dem Schotterweg. Gegen 8:00 Uhr legen wir nach fast einem Drittel der heutigen Strecke in Bercianos del Real Camino eine erste Rast ein. Es ist klassische Frühstückszeit. Für uns bedeutet das heute je ein Bocadillo con wieso y jamon und einen Café con leche. Auffallend ist inzwischen die Größe der Bocadillos. Von anfänglich sehr kurzen Exemplaren hat sich die Länge zum Teil verdreifacht. 


Bis zum Kilometer 17 in El Burgo Ranero passiert tatsächlich nichts, über das man berichten könnte. Wie unterschiedlich sich die Autos bzw. deren Fahrerinnen und Fahrer verhalten, wenn sie an uns vorbeifahren, ist nicht ganz so spannend. Es waren auch nicht so viele. Wir laufen auch in Sichtweite zu einer Autobahn und einer Bahnlinien für Hochgeschwindigkeitszüge, von denen aber binnen vier Stunden gerade einmal vier an und vorbeifahren, von hoher Geschwindigkeit kann man allerdings nicht sprechen. Jedenfalls machen wir in El Burgo Ranero eine weitere Pause.


Bemerkenswert ist, dass so gut wie keine anderen Pilger auf der gleichen Route wie wir unterwegs sind. Wir sind so ziemlich alleine. Vielleicht liegt es daran, dass momentan der Camino Portugues beliebter ist als der Camino Frances. Die Zahlen des Pilgerbüros von Santiago de Compostela weist im Mai ungefähr 4.000 Pilger mehr an Porto aus. Während dieser Gedanken kommt endlich etwas Abwechslung in die Landschaft: erstmals bekommen wir Vieh zu  Gesicht, nämlich eine große Herde aus Schafen und Ziegen. Ganz unauffällig hat auf der rechten Seite eine weitere Bahnlinie zu uns gefunden. Bevor sie sich wieder entfernt, fährt im ruhigen Tempo ein sehr kurzer Güterzug vorbei.


Drei Kilometer vor unserem Zielort werden wir völlig überraschend aus unserem Tunnel geholt, als eine Pilgerin ohne Rucksack aber mit angehängten Wanderstöcken uns mit flottem Schritt an uns vorbeirauscht. Gegen 13:30 Uhr erreichen wir nach rund 30 Kilometern unsere Albergue Las Hadas in Reliegos. Ich bin erstaunt, dass meine blauen Caminosocken von Wrightsocks immer noch in ihrer Originalfarbe erstrahlen. In den letzten Tagen erschienen sie immer in einem Grauton. Unsere Unterkunft ist sauber, modern und der zugehörige Garten mit vielen schattigen Ecken lädt zum Erholen ein. Hier fühlen wir uns sehr wohl. Wehrmutstropfen des Tages: schon seit ein paar Tagen spüre ich etwas an der Ferse des rechten Fußes. Dort hat sich unter der Hornhaut eine Blase gebildet. Noch stört sie nicht.















Montag, 1. Juni 2026

Centro do Camino

01.06.2026: Calzadilla de la Cueza - Sahagún (23,1 km)


Die heutige Etappe wird so wie gestern eher kurz und relativ flach. Doch bevor wir losziehen, haben wir noch einmal mit dem Wasser zu kämpfen. Einen morgendlichen Toilettengang unseres Zimmers verträgt die Spülung noch, einen zweiten weniger. Wir wissen jetzt auch, warum drei 1,5-Liter-Flaschen im Zimmer bereitstehen. Nicht zum trinken… Gegen 6:00 Uhr versuchen wir, das Haus zu verlassen. Erst mit etwas Gewalt lässt sich die etwas verzogene Eingangstür öffnen. 


Unsere erste Begleiterin in der Dämmerung ist wieder eine Straße, neben der wir auf „unserem“ Pilgerstreifen vorwärts kommen. Allerdings wechseln wir überwiegend auf die Straße, auf der uns nur ein Auto begegnet. Nach sechs Kilometern erreichen wir Ledigos. Hier werden wir auf einem Schild hingewiesen, dass wir den Mittelpunkt des Camino Frances erreicht hätten: ab Roncesvalles bis hier sind es 380 Kilometer, bis Santiago ebenfalls ich 380. Wir legen hier unsere Frühstückspause ein. 


Auf den folgenden Monolithen sieht die noch  zu absolvierende Strecke etwas anders aus, nämlich bis zu 391. Aber auch unser heutiges Etappenziel Sahagún beansprucht die geographische Mitte des Jakobsweges. Uns kann es eigentlich egal sein, wir wollen auf jeden Fall nach Santiago. Es folgt mit Terradillos de los Templarios das nächste Dorf, das vom Namen her lediglich besagt, das es zum früheren Besitz der Templer gehörte. Spuren des Ritterordens findet man nicht, wenngleich eine Herberge nach dem letzten Großmeister Jacques de Molay benannt ist. Hier schnuppern wir erstmals frische Landluft, es riecht nach Vieh, man sieht aber keins. An einem Rastplatz entdecken wir nur den Pilger mit Esel, und der riecht nicht.


In Moratinos gibt es eine Besonderheit. Was zunächst wie die Behausung von Hobbits aussieht, entpuppt sich als in den Lehm gegrabene Weinkeller. Kurz hinter dem Dorf entdecken wir vor uns Marion und Uwe, welch Freude. Wir gehen zusammen ein Stück bis San Nicolás del Real Camino, wo Jörg und ich eine weitere Pause einlegen. Ab hier wählen wir eine Variante des Weges, die etwas weiter von der Straße verläuft. Wir passieren die Ermita de la Virgen del Puente und sind nur wenig später in Sahagún. Gegen 11:40 Uhr stehen wir vor der Albergue Santa Cruz - deutlich zu früh. Wir dürfen unsere Rucksäcke schon einmal abstellen, sollen aber erst um halb eins wiederkommen. 


Wir nutzen die Zeit zu einem kleinen Snack, treffen auf dem Rückweg Marion und Uwe und werden dann eingelassen. Der Pfarrer des Klosters begrüßt alle anwesenden Gäste und erzählt über das Angebot der Herberge. Wir bekommen erneut ein Zimmer für uns. Duschen, Wäsche waschen und danach zu Viert etwas trinken und essen gehen. Später nehme ich am Pilgergottesdienst teil, der sowohl in Spanisch als auch in Englisch gehalten wird.   Im Anschluss erteilt der Pfarrer zusammen mit der Äbtissin des Benediktinerinnen-Klosters allen noch einen persönlichen Pilgersegen.



















Sonntag, 31. Mai 2026

Auf den Spuren der Römer und die Sache mit dem Wasser

31.05.2026: Villalcázar de Sirga - Calzadilla de la Cueza (23,1 km)


Es ist erholsam, wenn man keine Rücksicht auf andere Pilger nehmen muss und zu zweit alles regeln kann. So auch heute, als Jörg und ich kurz nach 5:00 Uhr wach sind und tun und lassen können, was wir wollen. Eine gute Dreiviertelstunde später stehen wir in unseren Schuhen und mit dem Rucksack auf dem Rücken auf der Straße. Noch ein Foto mit einem Bronzepilger, der am Tisch sitzt und einen Becher Wein vor sich stehen hat und los geht es. 


Wir sind nach drei Ecken wieder auf der gleichen Straße wie gestern und bleiben auf dem abgetrennten Pilgerstreifen für die nächsten sechs Kilometer bis Carrión de los Condes. Dieses Stück hat Simone gestern noch bewältigt, in der brütenden Nachmittagshitze. Jetzt ist es noch  dämmrig und gerade einmal 12 Grad „warm“, links geht der orange gefärbte Mond langsam unter während rechts die Sonne den Himmel in einer ähnlichen Farbkomposition leuchten läßt. Außer uns selbst ist noch niemand unterwegs. Nach  einer Stunde erreichen wir Carrion de los Condes und frühstücken in einer Bar. Auffällig in dieser Stadt sind die zwei Klöster und vier Kirchen, von denen zumindest die Iglesia Santa Maria bereits geöffnet ist. 


Inzwischen sind auch andere Pilger zu sehen, allerdings sind an einem ähnlichen Automaten wie in Itero de la Vega bisher nur zwei Fuß- und ein Fahrradpilger gezählt worden. Wir laufen zunächst ein Stückchen weiter entlang einer Straße, um dann auf historischem Grund weiterzukommen. Ein gravierter Hinweis auf einem Granitblock erläutert den originalen Verlauf der Via Aquitana von Burgos nach Astorga. Dort erreichen wir schon bald einen Food Truck und legen dort eine zweite Pause ein. Wir treffen dort auch den Korenaer mit seinem Neffen. Etwas später läuft auch der Pilger mit dem Esel vorbei.


Ab hier sind es noch gut elf Kilometer bis Calzadilla de la Cueza. Es ist ruhig, der Wind weht angenehm und lässt die bereits angestiegene Temperatur etwas angenehmer erscheinen. Wir passieren einen Kilometerstein mit der Angabe 400 - es ist also nicht mehr so weit bis Santiago. Neben den üblichen Feldern finden sich hier auch Sonnenblumen, die aber anscheinend noch in einem jungen Wachstumsstadium sind und keine Blüten ausgebracht haben. Dafür stehen am Wegesrand unzählige gelbe Doldenblüter, die mit kleinen, schwarzen Insekten belebt sind. Meine Neugierde führt zur Lösung, es sind Riesenfechel.


Jetzt kann es nicht mehr weit sein. Zunächst erscheint ein Glockenturm, der gehört aber zum örtlichen Friedhof. Dann werden allmählich einige Dächer und dann Häuser sichtbar. Wir sind angekommen, und es ist gerade einmal 12:00 Uhr. Wir müssen uns aber noch eine halbe Stunde gedulden, bis wir unser Zimmer bekommen. Schon nach dem CheckIm bekommen den Hinweis auf mögliche Probleme mit der Wasserversorgung. Das bekommen wir direkt zu spüren. Jörg geht direkt unter die Dusche, es tropft aber nur leicht. Also: einstellen und warten. Auch der Spülkasten der Toilette zieht nach der Benutzung kein neues Wasser. Zehn Minuten später beginnt er, wieder vollzulaufen. Das ist das Signal für uns: ab unter die Dusche. Das Wasser reicht gerade für uns. 


Wir haben heute die zweite Woche abgeschlossen, sind bisher 324 Kilometer auf dem Camino Frances unterwegs gewesen. Uns geht es gut, fast keine Beschwerden und keine Ausfälle. So kann es weitergehen.
















Samstag, 30. Mai 2026

Heute mal zu Dritt Staub aufwirbeln

30.05.2026: Itero de la Vega - Villalcázar de Sirga (28,4 km)


Pünktlich um 5:00 Uhr werden wir von Sonjas Wecker daran erinnert, aufzustehen. Nach einer Dreiviertelstunde sind wir soweit, dass wir aufbrechen können. Sonja ist bereits vor uns gestartet, Jörg, Simone und ich etwa später. Aus dem großen Schlafsaal nebenan ist noch kaum Aufbruchstimmung zu hören, lediglich ein Pilger hat sich aus dem Raum geschlichen und bereitet sich draußen vor. Unmittelbar hinter der Herberge steht ein Gerät, dass durchlaufende Pilger zählt. Vor uns waren es erst zwei. Ja, heute gesellt sich Simone dazu und wird uns bis zu unserem Zielort begleiten. 


Wie zuletzt wandern wir noch in der Dunkelheit durch Felder. Neben unseren knirschenden Schritten sind lediglich Vögel und die surrenden Bewässerungsanlagen zu hören. Auf einigen Feldern wird Heu geerntet, das in Reihen zum Trocknen zusammengeräumt wurde, bevor es zu großen Ballen gepresst und zu hohen Türmen gestapelt wird. Es erschließt sich mir jedoch nicht, wofür das Heu verwendet werden soll, denn Vieh ist hier weit und breit nicht zu sehen.


Inzwischen habe ich festgestellt, dass ich jeden Tag etwa drei bis vier Kilometer Wegstrecke benötige, bis ich meinen Rucksack nicht mehr spüre. Zu Beginn eines jeden Pilgertages drückt sich der Hüftgurt feste in den Beckenkamm. Dann kommt der Zeitpunkt, an dem ich gar nicht mehr spüre, dass ich etwas auf dem Rücken trage. So soll es auch sein. Gegen 7:30 Uhr erreichen wir Boadilla del Camino und machen in der Albergue uns Bar En El Camino unsere Frühstückspause. Außerdem treffen wir dort wieder Sonja, die wir eigentlich schon deutlich früher eingeholt haben wollten. Beim deutsch sprechenden Hospitalero bestellen wir alle ein Omelette, dass in einem großen Stück Baguette serviert wird. Auf dem Turm der Pfarrkirche Nuestra Señora de la Asunción sitzen neben einem stolzen Storch ein paar Tauben. Storchennester findet man hier auf jeder höheren Erhebung.


Nach kurzer Zeit landen wir vier am Canal de Castilla. Dieser wurde im 18. und 19. Jahrhundert mit einer Länge von über 200 Kilometern gebaut und auf ihm sollte Getreide bis nach Santander transportiert werden. Wir laufen auf dem Treidelpfad nebenan und verabschieden uns von Sonja. Kurz vor Frómista verlassen wir an vier Schleusen mit einem Höhenunterschied von vierzehn Metern den Kanal und biegen in die Stadt ab. Erneut legen wir eine kurze Trinkpause ein.


An einer Brücke in Población de Campos müssen wir uns zwischen zwei Wegvarianten entscheiden. Entweder die kompletten verbleibenden zwölf Kilometer an der Seite einer Straße oder zumindest ein Stück schattiger und ruhiger auf einem Feldweg. Wir entscheiden uns für letztere Möglichkeit. Nach vier Kilometern verlassen wir diesen Weg und schwenken nach Revenga de Campos, auch in der Hoffnung, in der dortigen Bar etwas trinken zu können. Diese hat zu unserem Leidwesen geschlossen und der davor platzierte Automat spuckt die eingeworfenen Münzen mit gleicher Geschwindigkeit wieder aus. Zum Glück können wir auf unsere Wasservorräte zugreifen. Der letzte Abschnitt ist nicht mehr ganz so schön - nur schnurgeradeaus an einer Straße entlang und der immer heißer werdenden Sonne über uns. Schließlich taucht hinter einer leichten Kurve die markante Silhoutte der Iglesia Santa Maria La Blanca von unserem Zielort Villalcázar de Sirga auf.


Gegen 13:00 Uhr stehen wir vor unserer Unterkunft, trinken aber zuerst einmal zur Erfrischung ein großes Radler. Während Simone für Touristen Fotos schiesst erhalten Jörg und ich unser Doppelzimmer. Wir stellen zunächst nur unsere Sachen ab und wollen uns von Simone verabschieden, die noch sechs Kilometer weiter bis Carrión de los Condes vor sich hat. Wir setzen uns zu ihr, es gesellt sich noch eine Australierin dazu. Da gerade die Kirche geöffnet ist, nutze ich die Gelegenheit zur Besichtigung. Sie stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist ein Vermächtnis der Templer. Schon die schmucken Portale sind beeindruckend, aber auch das eigentlich nüchterne Innere kann sich sehen lassen. Als ich wieder bei den anderen am Tisch sitze, läuft gerade ein Pilger mit seinem Esel an uns vorbei und sorgt dafür, dass fast alle Leute versuchen, ein tolles Foto zu bekommen. Nachdem wir uns von Simone verabschiedet haben, wird es endlich Zeit für die Dusche und eine kurze Ruhepause. Wir sind hier im 160-Seelen-Dorf relativ alleine, nur wenige Pilger übernachten hier. Besonderheit beim Abendessen: als Dessert wird uns unter anderem hausgemachter Flan angeboten. Fazit: beste Entscheidung des Tages, bester Flan ever!