Montag, 25. Mai 2026

Der ständige Begleiter und seine Veränderung

25.05.2036: Santo Domingo de la Calzada - Belorado (23,0 km)

Ein erster Weckruf ertönt um 4:40 Uhr, dann noch einmal um 5:30 Uhr. Es ist einer der weißen Hähne, die im Garten der Herberge zusammen mit ein paar weißen Hühnern gehalten werden. Sie verrichten eigentlich ihren Dienst im Hühnerstall der benachbarten Kathedrale. Wenn dort beim Betreten der Kirche der Hahn kräht, bedeutet das Glück für die Person. Ich transferiere das jetzt einfach mal auf uns alle in der Herberge. Das Krähen des Hahnes ist für die meisten das Zeichen für die Vorbereitung auf den Tag. Auch in unserem mit 16 Personen belegten Raum wird es unruhig und am Ende sind wir nur noch zu Viert und können getrost das Licht anschalten. Ich gehe noch die Zähne putzen, da wird mir von Nick ein fröhliches „Moin“ entgegengebracht. Das hatten wir ihm vor zwei Tagen als kurzen Morgengruss beigebracht. Das nutzt er jedes Mal, wenn wir uns sehen.


Um 6:45 Uhr geht es los. An der Kathedrale und dem Parador vorbei verlassen wir die Stadt in Richtig Westen. Da die Sonne bekanntlich im Osten aufgeht, haben wir sie direkt im Rücken. Unsere Schatten, die ständigen und nicht abschüttelbarenden Begleiter haben in den frühen Morgenstunden eine beträchtliche Länge - ich tippe mal auf mindesten das dreifache. In Grañón finden wir einen Foodtruck vor, aber die lange Schlange davor schreckt uns ab und wir hoffen eine weitere Chance, etwa zum Frühstück zu bekommen. Es folgen jetzt außerdem in kurzen Abständen mehrere kleinere Gemeinden, in denen es etwas gibt.


Inzwischen sind wir on der Provinz Castilla y León. Erst  bei Kilometer 13 in Castildelgado verlassen wir kurzzeitig den Camino und lassen uns der der ausgiebigen Pause das Frühstück schmecken. Dabei entdeckt Jörg am linken großen Zeh eine Blase. Wie konnte das bloß passieren? Er hat zwar etwas gespürt, aber nicht rechtzeitig nachgeschaut, wie wir es eigentlich immer machen. Hirschtalg drauf, so wird es gehen. Auch bei mir ist es ein Zeh am linken Fuß etwas gereizt, aber noch unauffällig. Das bringt mich auf das Thema Schuhe. Man sieht an sehr vielen Füße Hoka und Altra. Oftmals sind die gewählten Schuhe aber nicht optimal. Viele Pilger knicken stark ein und benötigen eigentlich mehr Stabilität oder Einlagen in den Schuhen. Bei den Altras fällt immer wieder auf, dass die Schuhe einfach zu weit sind. Bei jedem Schritt bildet sich eine starke Falte.


Die heutige Route ist nicht ganz so attraktiv, es geht über viele Kilometer entlang einer im Bau befindlichen Autobahn und der N120, auf der sehr viele LkWs mit hohem Tempo fahren. Zum Glück verläuft unser Weg etwas abseits davon und durch einen Grünstreifen und Leitplanken getrennt. Auffällig ist, dass heute nur sehr wenige Fahrradpilger unterwegs sind. Bei Kilometer 18 lacht uns in Villamayor auf der anderen Straßenseite eine Bar an. Da sagen wir gerne Danke und versorgen uns mit einem kühlen Getränk. Inzwischen steht die Sonne sehr hoch und unsere Schatten werden deutlich kürzer, beginnen mit uns zu verschmelzen. Die letzten fünf Kilometer fliegen entlang der N120 dahin und wir erreichen gegen 13:00 Uhr die städtische Herberge El Corro, die wir bereits gebucht haben. An der Anmeldung stehen direkt vor uns schon Marion und Uwe. Wir werden gleich zusammen eine Waschmaschine füllen und uns nachher auf die Suche nach etwas Essbaren machen.














Sonntag, 24. Mai 2026

An Domingo zu Domingo

24.05.2026: Nájera - Santo Domingo de la Calzada (21,8 km)

Es war laut in der Nacht. Man könnte meinen, der ganze Ort wäre bis 5:00 Uhr in der Früh auf den Beinen gewesen und hätte sich mit eindringlichen Stimmen unter unserem geöffneten Fenster unterhalten. Als endlich Ruhe einkehrt, machen sich die ersten Gäste abmarschbereit. Sehr rücksichtsvoll allerdings. Auch Jörg und ich beginnen allmählich mit den Vorbereitungen, gehören bald zu einigen wenigen, die noch nicht die Herberge verlassen haben. Deshalb können wir das Nachbarzimmer zum Umziehen und Verpacken bei voller Beleuchtung nutzen, ohne die noch Schlafenden zu stören. 


Es ist Sonntag - auf Spanisch Domingo - und wir beenden heute die erste Woche auf dem Camino Frances. Um 7:00 Uhr geht es los, und zwar bergauf über den Alto de Nájera. Wir treffen ein paar bekannte Gesichter wie Nick oder den Pfannenmann (ein Asiate, der eine ganze Küchenausstattung am Rucksack baumeln hat). Dann haben wir das übliche Bild vor Augen: ein lange sichtbarer heller Schotterweg, auf dem sich langsam kleine dunkle Punkte wie Ameisen von uns fortbewegen. Einen ersten Stop legen wir nach rund 7 Kilometern in Azofra ein. Frühstück ist angesagt. Die erste Bar ist überfüllt, wir gehen einfach ein Stück weiter und finden dort ein Plätzchen. Es ist halt wie immer, die meisten nutzen die erstbeste Gelegenheit, anstatt mutig auf die zweitbeste zu warten. Und die sich dann oftmals als die bessere erweist.


Wir lassen uns eine halbe Stunde Zeit, bevor wir wieder losstürmen. Unser Tempo liegt bei fast 5 km/h. Das ändert sich aber schon sehr bald, denn ein fast zwei Kilometer langer Anstieg vor Cirueña verlangt einiges von uns ab. Der Plan war, hier nach weiteren zehn Kilometern noch einmal zu unterbrechen und Flüssigkeit aufzufüllen. Dazu nehmen wir sogar einen kleinen Umweg in Kauf. In der Bar versteht man sein  eigenes Wort nicht, denn es reden circa zwanzig Menschen wild durcheinander. Getränke bestellen und raus auf die Terrasse. Wieder vergeht eine halbe Stunde, bevor es an einem Hopfenfeld (!), Wein und Getreide in Richtung Santi Domingo de la Calzada geht. Schon von weitem sieht man die Stadt, aber vor allem den schnurgeradeaus führenden Wegeverlauf. Ziemlich genau um 13:00 Uhr treffen wir in der Albergue Cofradia Santo ein. Die Bruderschaft wurde von Domingo selbst gegründet und kümmert sich seit über 900 Jahren um Durchreisende Pilger. 


Wir erhalten unsere Betten, dieses Mal lang genug und unten - also keine Klettereinlagen erforderlich. Duschen, Wäsche waschen, erfrischen und Manuela und Uwe treffen, die im selben Haus untergekommen sind. Für den Abend werden wir gemeinsam essen gehen. Während Jörg etwas ruht, suche ich die Kathedrale und das Grab von Domingo auf. Die Kirche ist recht nüchtern gestaltet, lediglich der Hauptaltar, der sich im nördlichen Querhaus befindet und das Baldachingrabmal stechen heraus. Gegenüber dem Grabmal befindet sich etwas höher gelegen der Hühnerkäfig aus dem 16. Jahrhundert, in dem immer ein weißer Hahn und eine weiße Henne untergebracht sind. Hintergrund ist das sogenannte Hühnerwunder. Anschließend steige ich noch die 132 Stufen des separat stehenden Glockenturms der Kathedrale hoch und staune über neun unterschiedlich große Glocken und die tolle Aussicht. Morgen starten wir in die zweite Woche, bisher haben wir 147 Kilometer zurückgelegt.
















Samstag, 23. Mai 2026

Wenn die Schuhe enger werden…

23.05.2026: Logroño - Nájera (29,7 km)


Das wird heute die bisher längste und wärmste Etappe. Außerdem gibt es lediglich bei ungefähr der Hälfte eine Möglichkeit für eine Frühstückspause - davor und danach lang gezogene Schotterwege ohne Schatten. Das bedeutet auch, dass wir für den Tag Getränke und Verpflegung mitnehmen müssen. Und dadurch wird das Gewicht auf dem Rücken auch noch erhöht. Kurz nach 6 Uhr sind wir auf den Beinen, es geht zunächst eine ganze Stunde durch Logroño. Für etwas Abwechslung sorgt danach der Parque La Grajera, einem Naturgebiet mit großem See. Dort werden wir von zwei Eichhörnchen überrascht, die zielgerichtet auf uns zulaufen und uns anbetteln. Leider haben wir für die beiden nichts.


Es folgt ein erster kurzer Anstieg entlang der Autobahn. Am höchsten Punkt ist in der Ferne unser Zwischenziel Navarette zu sehen, es sind bis dorthin aber noch ein paar Kilometer. Am Ortseingang befinden sich die Reste eines früheren Pilgerhospitals San Juan de Acte, das im 12. Jahrhundert vom Orden des Heiligen Johannes von Jerusalem gegründet wurde. Zu sehen sind fast ausschließlich die Grundmauern der Kirche. Direkt daneben steht erstmals in La Rioja ein Monolith mit der Kilometerangabe 601, diese werden und in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen die noch zu bewältigende Entfernung nach Santiago anzeigen. Diese hier stimmt dann aber nicht mit der Angabe bei einem Fotopoint der Bodegas Corral unmittelbar daneben. Dort ist der restliche Weg mit 576 Kilometern angegeben.


Gegen 09:00 Uhr treffen wir in Navarette ein. Neben der wunderschön ausgeschmückten Iglesia Ascimción de María befindet sich die Bar und die Albergue  La Iglesia. An unseren Tisch setzt sich Nick aus Boston und wir plaudern ein wenig. Ich gehe noch in die Kirche, die mir leiser, dahinfliessender Musik eine ruhige Atmosphäre ausstrahlt. Ich entzünde an einer Jakobusfigur zwei Kerzen zum Gedenken an einen gestern verstorbenen Bekannten aus unserer Fußball-Familie. Ich setze mich ein paar Augenblicke und genieße den Kontrast zum Pilgeralltag.


Eine halbe Stunde ist vergangen und Jörg und ich machen uns fertig zum Aufbruch. Da treffen gerade Marion und Uwe ein und wir reden kurz miteinander. Sie hatten wohl keine gute Nacht, denn um 21 Uhr wurde die Klimaanlage ausgeschaltet. Unser Weg führt uns nun stetig aufwärts, zum Glück nicht steil. Rechts von uns die oft die Autobahn, ansonsten geht es durch Felder, zumeist Wein. Hier gilt es, einfach Kilometer auf den Tacho zu bringen. Als dieser 20 zeigt, finden wir einen zum Teil schattigen Rastplatz, den wir direkt ansteuern. Schuhe aus, Socken aus, Baguette und Chorizo verputzt. Wieder eine halbe Stunde rum.


Nun wird es etwas steiler, es erwartet uns der Alto San Antón mit einem schönen Aussichtspunkt, von dem wir einen Großteil der seit Navarette zurückgelegten Strecke sehen können. Inzwischen melden sich meine Füße. Sie möchten mehr Platz, denn anscheinend werden meine Hoka Anacapa Breeze Low etwas eng. Dieses Phänomen habe ich bereits die letzten Tage erlebt. Bei circa 20 Kilometern wird es eng im Schuh, was aber bei der Belastung ganz normal ist. Immerhin mussten meine Füße heute etwas über 40.000 Schritte absolvieren. Zum Glück geht es jetzt die letzten sieben Kilometer nur noch abwärts, ebenso sanft wie der Aufstieg. Irgendwann sind unsere Wasservorräte aufgebraucht. Jetzt wäre eine Nachladestation nicht schlecht. Nicht verzagen: dass Universum wird liefern. Und es liefert: zwei Kilometer vor Najera ist es soweit: Vor einem Garten steht ein Kühlschrank, gefüllt mit Wasser und Cola, das ganze gegen eine Spende. Was will man mehr!


Das letzte Stück bekommen wir jetzt auch noch hin, die Cola gibt uns noch einmal Treibstoff in den Tank. Im 13:40 Uhr treffen wir an der Albergue La Puerta de Najera ein. Geschafft. Schwere Beine. Brennende Füße. Das vergeht wieder über Nacht. Bett fertig machen, Duschen, Wäsche waschen. Ausruhen. Heute Abend nur etwas essen gehen und sonst nichts mehr.



















Freitag, 22. Mai 2026

Camino im goldenen Morgenlicht

22.05.2026: Torres del Rio - Logroño (20,6 km)


Es war sehr eine unruhige Nacht, in der in unserem Schlafraum sehr viel geschnarcht wurde. Kein Wunder also, dass wir schon früh wach wurden. Für diesen Fall haben Jörg und ich vereinbart, aufzustehen und uns fertig für den Abend am zu machen. Auch andere Pilger hatten eine ähnliche Idee, zumal die Wettervorhersage stetig ansteigende Temperaturen angekündigt hat. Mit einem wunderschönen Sonnenaufgang um 6:45 Uhr verlassen wir die Herberge. Auf schmalen geschotterten Pfaden verlieren wir uns rasch in einer schönen Landschaft, die eine völlig Ruhe ausstrahlt. Nur die Stimmen unserer Schritte  und vereinzelt ein paar Vögel durchbrechen die Stille. 


Der erste Abschnitt der heutigen Etappe gleicht einer Berg- und Talfahrt. Einige steile und anstrengende Aufwärtspassagen wechseln sich mit Aufmerksamkeit erforderlichen Gefällstücken ab. Dazwischen laufen wir auch immer wieder durch enge Täler mit schönen Ausblicken auf verschiedenfarbige Parzellen mit unterschiedlichem Bewuchs. Die ersten rund elf Kilometer gibt es in diesem Bereich allerdings keine Möglichkeit, sich mit Wasser oder etwas Essbaren zu versorgen. Gegen 9:15 Uhr treffen wir in Viana ein. Direkt am Weg m Zentrum der Stadt laden mehrere Bars zum Hinsetzen ein. Darauf haben wir schon gewartet und finden ein erstes Plätzchen im Schatten der Iglesia Santa Maria, die aber gerade von außen eingerüstet und zudem geschlossen ist.


Wir machen eine ausgiebige, einstündige Pause und es gesellen sich Marion und Uwe zu uns. Ich schaue mir die Ruinen der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Zisterzienserkirche San Pedro an. Es ist zwar nur noch wenig erhalten, aber das rechte Seitenschiff mit alten Malereien ist sehenswert. Es wird Zeit dass wir wieder aufbrechen, denn es wird zunehmend wärmer und wir haben gerade die Hälfte der heutigen Strecke geschafft. Zunächst geht es überwiegend auf asphaltierten Nebenstraßen weiter, danach knirscht es wieder mehr unter den Füßen. Wir verlassen jetzt die Provinz Navarra und betreten die Provinz La Rioja. Links und rechts befinden sich noch mehr Weinfelder als zuletzt und wir freuen uns schon auf einen kräftigen Roten. Kurz hinter der Provinzgrenze legen wir noch einmal eine kurze Trinkpause ein, bevor es letztmalig einem Anstieg zu bewältigen gibt. Dahinter verläuft der Camino nur noch abwärts, vor uns ist bereits Logroño (ca. 150.000 Einwohner) zu sehen. Wir überqueren den Fluss Ebro und erreichen im 12:30 Uhr unsere Pilgerherberge Albas, die aber erst in einer halben Stunde öffnet. 


Morgen wird es erneut sehr heiß werden. Unser Plan heißt, sehr früh die Herberge verlassen und heute Abend schon etwas zu Essen und Trinken einkaufen. Auf den ersten vierzehn Kilometern wird es erneut keine Einkaufsmöglichkeit geben. Etwas später nehmen wir in einem kleinen Restaurant unser Abendessen - erstmals nicht in einer Herberge. Der Weg dahin ist zwar kurz, aber durch die aktuell 32 Grad sehr anstrengend. Wir sind froh, wieder in der Unterkunft zu sein und uns mental und körperlich auf die morgige lange Etappe vorzubereiten. Betten in Najera sind zum Glück schon reserviert.