Samstag, 6. Juni 2026

Irgendwann musste es passieren…

06.06.2026: Astorga - Rabanal de Camino (20,3 km)


Inzwischen haben wir morgens eine feste Routine bezüglich Aufstehen, Vorbereitung und Abmarsch. Heute brechen wir ausnahmsweise damit, denn in der wunderbaren Albergue MyWay wird in einem Nebengebäude noch ein kleines Frühstück in Selbstbedienung und gegen Spende angeboten. Das nutzen wir gerne aus und nehmen ein Frühstückchen ein. Das Angebot ist jedenfalls reichlich: verschiedene Getränke kalt und heiß, Gebäck, Milchbrötchen und Toast, dazu Joghurt, Marmeladen oder Müsli sowie die dazu benötigten Geräte. Das rundet unseren Eindruck noch einmal ab. Absoluter Tipp für alle nachfolgenden Pilger. Es wird dann heute 6:15 Uhr, bis wir das Hoftor hinter uns schließen. Zunächst geht es steil aufwärts in die Innenstadt, am Bischofspalast und der Kathedrale vorbei heraus aus Astorga. 


So wie die letzten zwei Tage sind wir wärmer angezogen, haben aber die Hosenbeine abgezippt. Wir werden heute überwiegend an einer kaum genutzten Nebenstraße entlang geführt. Manchmal laufen wir auf dem Pilgerstreifen, manchmal auch auf der Straße. Schließlich wechseln wir auf einen weit vor uns sichtbaren Weg, der langsam aber beständig aufwärts auf eine Höhe von 950 Metern bringt. Gegen 8:30 Uhr erreichen wir Santa Catalina de Somoza und wollen dort ein richtiges Frühstück einnehmen. Wir können uns nicht so richtig zwischen zwei Bars entscheiden und landen in der ersten im Ort. Neben dem für unsere Ohren barschen Ton waren wir eigentlich nicht so richtig zufrieden. Wir haben schon deutlich bessere bekommen.


Wir ziehen also mit einem unwohlen Gefühl weiter. An der ersten Bank am Ausgang des Dorfes möchte ich meine Socke im linken Schuh etwas richten und muss dabei feststellen, dass sich auf der Spitze des kleinen Zehs eine Blase gebildet hat. Das musste ja mal passieren, die letzte Blase hatte ich mir 2010 kurz vor der deutsch-luxemburgischen Grenze zugezogen. Das ist jetzt circa 1450 Kilometer her (nur auf dem direkten Weg nach Santiago, alle anderen Caminos in Deutschland, Spanien oder Portugal nicht eingerechnet). Na ja, Hirschtalg drauf und weiter geht es, die Blase stört nicht beim Laufen.


Da wir vor 12:00 Uhr nicht in unsere Unterkunft reinkommen, haben wir reichlich Zeit. Soviel Zeit, dass wir in der Cowboy Bar in El Ganso ansteuern und uns erneut niederlassen. Bald wird der Aussenbereich von deutschsprachigen Pilgern dominiert. Nur ein rauchender Asiate steht am Rand und holt eine große Flasche Cola aus dem Rucksack. Dabei fällt uns auf, dass uns bisher sehr weniger Raucher begegnet sind. Es ist jetzt nicht zweit bis Rabanal, aber auf dem schmalen Pilgerstreifen fällt uns eine weitere Gruppe negativ auf. Anstatt auf der Straße zu bleiben, schleichen sie sich von hinten an uns ran und schlängeln sich furch die Fussgänger durch, die das gar nicht erfreut. 


Um 12:15 Uhr sind wir in Rabanal del Camino und checken in unserer Herberge ein. Im Vergleich zu gestern ist hier alles sehr eng. Wir sind sechst in einem kleinen Raum untergebracht. Das ist aber besser als gar nichts zu haben. Eigentlich wollten wir heute bis Foncebadón, aber dort war schon vor ein paar Tagen kein Bett mehr reservierbar bzw. ich bekam erst gar keine Antwort. Dadurch würde sich die geplante Etappe am Sonntag auf über dreißig Kilometer erweitern - das wird uns aber zu viel. Deshalb werden wir etwas abkürzen und uns unter die Taxipilger mischen und circa zehn Kilometer überspringen. 


Rabanal del Camino hat eine lange Tradition in Sachen Jakobsweg und zeigt sich auch heute noch mit seinen Bruchsteinhäusern von einer schönen Seite. Zwei Kirchen und ein kleineres Franziskanerkloster mit Verbindungen nach Deutschland befinden sich direkt am Camino. Bevor wir ein wenig ausruhen, reservieren wir in einem Restaurant zum Abendessen einen Tisch. Im Netz wird davon geschwärmt, wir sind gespannt.


















Freitag, 5. Juni 2026

Kathedrale Nr. 3: Astorga

05.06.2026: San Martín del Camino - Astorga (23,1 km)


Meine Uhr sagt mir, dass mein SleepScore der letzten Nacht ausgezeichnet war. Wir haben wohl so gut geschlafen, dass wir sogar verschlafen haben. Nun ja, eine halbe Stunde später als sonst aufzustehen muss nicht gleich mit verschlafen gleichgesetzt werden. Dafür sind wir wesentlich schneller abmarschbereit als an allen bisherigen Tagen. Wir verlassen kurz nach 6:00 Uhr die Herberge und bleiben zunächst eine Zeit lang an der N120. Da die Wettervorhersage sehr niedrige Temperaturen erwähnte, haben unsere kurzen Hosen erstmals Beine bekommen. Nach fast sieben Kilometern verlassen wir sie und wechseln auf einen Feldweg, der uns nach Hospital de Órbigo bringt. Unterwegs können wir auf einem Glockenturm wieder einige Störche beobachten. Über die langgezogene Puente de Órbigo laufen wir an einem Turnierplatz vor und der Ort ist festlich geschmückt. Ab morgen finden hier ritterliche Turniere statt.


Nach der wohlverdienten Frühstückspause mit schönstem Blick auf die Brücke geht es weiter. Es gibt zwei Möglichkeiten: entlang der N120 oder die etwas längere Variante durch die benachbarte Landschaft. Wir bleiben der Straße treu, bezahlen das mit zwei deftigen Anstiegen, die nach dem Neubau der „Rennpiste“ über die nicht mehr genutzte Trasse führt. Inzwischen ist es deutlich wärmer geworden und wir befreien zumindest den Oberkörper von einer wärmenden Schicht.  Wir kommen weiterhin gut vorwärts und erreichen bald auf einer Anhöhe das Crucero de Santo Toribio. Von hier aus kann man schon in der Ferne die Türme der Kathedrale von Astorga sehen. Es geht aber zunächst abwärts nach San Justo de la Vega, wo wir noch einmal pausieren.


Die letzten drei Kilometer bis Astorga vergehen sehr schnell, sodass wir pünktlich um 12:00 Uhr vor der Albergue My Way stehen. Ein paar andere Pilger sind bereits da und warten im Garten darauf, dass wir eingelassen werden. Das passiert binnen weniger Minuten durch Lea, einer Schweizerin, die hier aufgewachsen ist. Die Herberge ist spitze, an viele Kleinigkeiten wurde gedacht und wir fühlen uns direkt sehr wohl. Nachdem alles erledigt ist, was immer zu erledigen ist, begeistert sich Jörg für eine Massage, während ich in die Stadt gehe. 


Mein Weg führt direkt zur Kathedrale, wo ich am Eingang einen Kopfhörer für Erklärungen bekomme. Der Weg des Besuchers wird zuerst durch das Museum geleitet, danach über den Kreuzgang in das Kircheninnere. Im Vergleich zu den Kathedralen von Burgos und León wirkt diese hier sehr nüchtern und rangiert in meiner Rangliste leider nur auf Platz 3. Vielleicht liegt es auch daran, dass gerade lärmende Arbeiten durchgeführt werden. Aber auch die Seitenkapellen sind weder vergittert noch zum Teil in keinem guten Zustand, an den Altären blättert teilweise der Putz ab. Auf die Jakobus-Kapelle hat man aufgrund der Arbeiten nur eine eingeschränkte Sicht. Interessanter ist dagegen der benachbarte Bischofspalast, der von Antoni Gaudi 1889 begonnen  wurde. Nach einer 20-jährigen Unterbrechung vollendete Ricardo Guareta bis 1914 den Bau, da Gaudi sich von dem Projekt zurückgezogen hatte. Der damalige Bischof wollte den Palast nicht nutzen, so dass diese zunächst leer stand, 1936 im spanischen Bürgerkrieg vom Militär genutzt wurde. Seit 1963 ist hier das Museo de los Caminos beheimatet. Dennoch sind neben der Ausstellung vor allem das Kellergewölbe, die Kapelle sowie Arbeits-, Speise- und Empfangszimmer sehr imposant und sehenswert.





















Donnerstag, 4. Juni 2026

Gute Ausrüstung vertreibt den Regen - wieder einmal

04.06.2026: León - San Martín del Camino (25,7 km)


Unsere Zimmerbelegung in dieser Nacht war sehr strange. Noch nie haben wir eine solche Zusammenstellung gehabt. Schon als wir gestern zum ersten Mal das Zimmer betraten, herrschte eine seltsame Stimmung, keine Antwort auf unsere Begrüßung und auch sonst kein Wortwechsel, nicht eine Silbe. Zwei von sechs hatten es nicht nötig, die Einmalbezüge zu nutzen, einer davon schlief  in den Klamotten, mit denen er heute unterwegs sein wollte. Einer knallte sämtliche Türen, auch mitten in der Nacht. Ok, dann eben nicht. Können wir auch. Wir haben alle mit Nichtbeachtung gestraft. Und heute nach dem Aufstehen sind wir viel zu brav. Wir haben nämlich gestern Abend unsere Sachen so vorbereitet, dass wir alles mit zwei Handgriffen aus dem Zimmer schaffen können.


Kurz vor 6:00 Uhr ist inzwischen Tradition geworden und auch heute halten wir uns an diese Zeit. Es geht zunächst durch das stille León, wo so gut wie niemand auf den Straßen anzutreffen ist. Nur ein paar Pilger schlagen die gleiche Richtung ein wie wir. Es dauert fast 90 Minuten, bis wir auch die Vororte hinter uns lassen. Es ist kalt, eine Anzeige einer Apotheke zeigt gerade 13 Grad an. Der Himmel ist noch stärker bewölkt als gestern und wir haben erneut wärmende Sachen an. In La Virgen del Camino bestaunen wir eine modernere Kirche aus dem Jahr 1961 von außen. Die Front ist mit Bronzestatuen versehen, die Maria und die zwölf Apostel darstellen. 1505 entstand an dieser Stelle eine Marienkapelle, da dort einem Hirten die Gottesmutter erschien.


Ab jetzt gesellt sich unsere Freundin, die stark befahrene N120, zu uns. Sie wird uns bis zum Tagesziel nicht mehr von der Seite weichen. Wir sind jetzt auch brave Pilger und nutzen den für uns vorgesehenen Pilgerstreifen. In Valverde de la Virgen sind wir über die Bewohner der Iglesia Santa Engracia erstaunt. Nicht weniger als fünf Storchennester sind auf dem Glockenturm und alle werden genutzt. Für den nächsten Ort, San Miguel del Camino, finden wir endlich eine Möglichkeit, ein Frühstück einzunehmen. Wir sind jetzt immerhin schon 13,5 Kilometer auf den Beinen und kämpfen mit einem zeitweise starken Gegenwind. 


Das Wetter will einfach nicht besser werden. Um uns noch mehr vor dem Wind zu schützen, ziehen wir unsere regen- und winddichten Jacken von ProX an. Auch der Regenschirm wird gleich zum Einsatz kommen. Viel wichtiger aber ist, dass die Schuhe nicht nass werden, das könnte problematisch werden. Zum Glück fällt der Niederschlag nur sehr spärlich aus und lässt uns dann sogar ganz im Ruhe. Das haben wir schon so oft auf dem Jakobsweg erlebt. Wenn Regenjacke oder -schirm ausgepackt werden, streckt Petrus die Waffen und gibt sich geschlagen. So mögen wir das. Inzwischen dürften wir auch die 300-Kilometer-Marke erreicht haben. Die Entfernungsangaben, die man hier überall findet, fallen sehr widersprüchlich aus. Nach unserer Planung haben wir jedenfalls noch 

285 Kilometer vor uns.


Der letzte Abschnitt für heute bringt uns wieder einmal etwas Neues. Links neben uns rauscht fließendes Wasser durch einen Kanal. Davon gibt es hier viele und sie dienen der Bewässerung der Felder. Meist hat das Wasser ein eher geringes Tempo. Doch wenn durch eingebaute Stufen ein künstlicher Höhenunterschied eingebaut wurde, rast es an uns vorbei. Die Landwirtschaft nimmt allmählich auch ab. Wir sind so gut wie am Ende der gefürchteten Meseta. Ich fand sie jetzt nicht so schlimm, wie sie immer dargestellt wird. Wir sind halt immer sehr früh unterwegs gewesen und haben uns dadurch der Mittagshitze entzogen. Gegen 12:15 Uhr treffen wir in San Martín del Camino in unserer Herberge ein - fast zwei Stunden zu früh. Wir dürfen aber dennoch einchecken und unsere Betten vereinnahmen. Inzwischen hat sich auch die Sonne gegenüber den Wolken durchgesetzt und es lässt sich auf der Terrasse ganz gut aushalten. Der Pool im Garten ist zwar verlockend, aber dazu ist es uns einfach zu frisch.


Zum Abendessen sitzen wir zusammen mit Pieter aus den Niederlanden, den wir in den letzten zwei Tagen immer wieder mal gesehen haben. Es ist eine nette Runde und wir haben uns viel zu erzählen. Dabei finden wir übrigens auch den Grund heraus, warum es schwierig ist, in Santiago eine Unterkunft zu finden. Es findet nämlich vom 18. - 20.06. auf dem Monte de Gozo das Festival O Son do Camiño statt, bei dem unter anderem eine gewisse Katy Perry (die mich gar nicht interessiert), aber auch Biffy Clyro und vor allem Linkin Park auftreten werden. Und das Gute ist, es gibt für beide letztere am Freitag noch Tickets. Haken an der Sache: Linkin Park spielen bis 01:00 Uhr, da komme ich in meine Unterkunft nicht mehr rein - schade.











Mittwoch, 3. Juni 2026

Kathedrale Nummer 2: León

03.06.2026: Reliegos - León (23,9 km)


Erneut kappt es mit dem frühen Aufstehen und Fertigmachen ohne große Geräuschkulisse. Wir haben uns wirklich bemüht, keinen zu stören. Im Gegensatz zu einem asiatischen Pilger, der gestern Abend noch einen Berg Holz zerkleinert hat. Jedenfalls stehen wir kurz vor sechs Uhr auf der Straße - heute sind wir die ersten. Es fällt direkt auf, dass es deutlich kälter ist als die letzten Tage. Schon am Ortsausgang von Reliegos an einem Pilgerdenkmal setzen  wir die Rucksäcke ab und ziehen uns wärmer an. Es wird jeden Tag ein wenig früher hell und so erkennen wir auch bald den Grund für die tiefen Temperaturen. Der Himmel ist wolkenverhangen. Es gibt kurz darauf noch einen schönen Sonnenaufgang,  doch die Wolkendecke lässt keine wärmenden Strahlen durch. Wir laufen wie gestern zunächst auf einer ungenutzten Straße, lassen den eigentlichen Pilgerstreifen neben uns und sehen endlich einmal auf einer Weide sich langweilende Rinder.


Wir hoffen, in Mansillas de las Mulas eine Möglichkeit für das Frühstück zu finden. Daraus wird allerdings nichts. Dafür finden wir den koreanischen Onkel und seinen Neffen, die uns auf Ihre freundliche Art begrüßen. Im übrigen sind heute wieder deutlich mehr Menschen mit großen und kleinen Rucksäcken unterwegs. Das liegt wahrscheinlich am Tagesziel León, das für viele ein Muss ist. Erst nach circa 11 Kilometern kehren wir in Villamoros (was soviel wie Stadt der Mauren bedeutet und auf die frühere maurische Vorherrschaft hinweist) in einer Bar ein bekommen dort ein Bocadillo in der nun gewohnten Größe serviert. 


Endlich verlassen wir die Straße und haben wieder mehr Natur um uns herum. Auch schon einmal gesehene Pilger laufen uns nun über den Weg wie der in „Badelatschen“ pilgernde, langhaarige Waliser, der inzwischen gerne seinen eigenen Stempel verteilt und sich DJ Yann nennt. Auch der Küchenmeister sowie die amerikanische Wackelente mit Freundin haben wieder einmal unsere Wege gekreuzt. Um 10:30 Uhr werden wir von der eigentlichen Route weggeführt. Inzwischen hat sich die Sonne gegen die Wolken durchgesetzt, sodass wir wieder leichter bekleidet unterwegs sein können. Dadurch ergibt sich aber eine weitere Pause in Valdeafuente. Es sind jetzt nur noch rund 5 Kilometer. Hinter dem nächsten Hügel sehen wir gerade ein Flugzeug starten und direkt danach wird die Kathedrale von León sichtbar. Schon aus der Ferne wirkt sie sehr imposant. Auffällig sind wieder einmal die vielen Storchennester, die so ziemlich auf jeder Erhöhung zu sehen sind. Nahe der mittelalterlichen Castro-Brücke werden die Pilger von ehrenamtlichen Helfern der Proteccion Civil León begrüßt und mit einem Stempel ausgestattet. 


Gegen 12:30 Uhr erreichen wir die Pilgerherberge der Franziskaner in León und bekommen unser Zimmer zugewiesen, das im dritten Stock liegt, aber mit einem Fahrstuhl zu erreichen ist. Wir machen uns frisch, geben unsere Wäsche ab und suchen uns in der Stadt etwas zu essen. Unsere Wahl fällt auf eine Trattoria, wo wir ein leckeres Menü bekommen. Am späten Nachmittag gehen wir noch zur Kathedrale. Im Vergleich zu Burgos ist sie etwas nüchterner, wirkt aber durch die bunten Fenster bei Sonneneinstrahlung auf ihre eigene Art. Auf dem Rückweg zur Herberge tauscht Jörg noch seine nicht mehr ganz intakte Sandale aus. Bevor wir noch einen Snack zum Abend einkaufen, huscht Jörg noch schnell zum Frisör rein und lässt sich Haare und Bart schneiden. Ich freue mich, wenn es morgen wieder raus aus León geht. Mir ist es hier zu voll, zu laut und zu unruhig.