Dienstag, 9. Juni 2026

Menschen auf dem Camino

09.05.2026: Villafranca del Camino - La Laguna de Castilla (26,7 km)


Überall wird die bevorstehende Etappen als die Konigsetappe bezeichnet. Grund dafür sind der heftige Anstieg auf den letzten fünf Kilometern. Dich dazu später. Wir wollten aufgrund des Höhenprofils etwas früher auf den Camino gehen, was wir auch fast geschafft haben. Immerhin stehen wir um 5:50 Uhr auf der Straße vor unserer Unterkunft und gehen durch die beleuchtete Gasse. Über eine mittelalterliche Brücke über den Rio Burbia (wieso halten die hier eigentlich alle so lange) verlassen wir Villafranca del Camino. Einen Pilgerstempel können wir in unserem Credencial allerdings nicht nachweisen, hoffentlich fällt das nächste Woche im Pilgerbüro nicht auf. Vor uns läuft Knickfuss, ein Asiate, der mit seinen viel zu weichen Schuhen vor allem mit rechts schmerzhalft nach innen abknickt, mit einer Taschenlampe und einem Umhängebeutel. Wir laufen auf oder neben der N-VI leicht aufwärts gehend. Begleitet werden wir übrigens den ganzen Tag von zu Beginn breiten, mit zunehmender Dauer schmaleren Rio Valcarce. 


Eine erste Pause legen wir in einer Bar in Pereje ein, wo es allerdings nur einen Kaffee und einen Snack gibt. Wir sind bis hierhin rund fünf Kilometer gelaufen. Inzwischen haben wir mit der der Autobahn in Richtung La Coruña oder Madrid eine weitere ständige Begleitung gefunden. Mehrere Male unterqueren wir diese. Unsere zweite Pause legen wir nach vierzehn Kilometern in La Portela ein. Es ist gerade 9:15 Uhr, als wir in der Rock’n’Roll Pizza ein richtiges Frühstück einnehmen wollen. Direkt am Eingang sitzen drei französische Seniorinnen, die wir erstmals in der Herberge in Astorga getroffen haben. Ich grüße sie freundlich auf Französisch und werde gleich in der selben Sprache gebeten, unsere Rucksäcke aufgrund der beengten Räumlichkeiten draußen abzustellen. So schnell wechselt man also die Staatsangehörigkeit. Die Chefin bemerkt aber schnell unsere eigentliche Herkunft und spricht Deutsch mit uns. Jörg ordert ein Stück Pizza und ich einen Toast, bestehend aus selbstgebackenem Brot, Butter und Marmelade. Für uns beide ist das ein starker Kontrast zu Tortilla oder Boccadillo.


Neben uns sitzt Volker aus Köln, mit dem wir uns etwas unterhalten. Draußen läuft gerade eine Schulklasse vorbei, dass werden wir in den nächsten Tagen wohl öfter zu Gesicht bekommen. Kurz darauf kommen zwei Schüler und ein Lehrer mit einem Stapel Pilgerausweisen herein, die jetzt alle gestempelt werden sollen. Für uns wird es jetzt jedenfalls Zeit, weiterzukommen - neben uns der Rio Valcarce, unter uns die Straße, vor uns hinter uns vereinzelt ein paar Pilger. Noch lässt sich der moderate Anstieg ertragen und ist kaum spürbar. Dennoch legen wir in Las Herrerías eine weitere Rast ein, bevor wir vor der Herausforderung des Tages stehen. Während wir vor unserem Getränk sitzen, werden vier Pferde aus dem Stall gebracht, die die gleiche Anzahl Pilgerinnen und Pilger zum Etappenziel bringen sollen. Es ist ein Schauspiel, wie die Pferde bestiegen werden. Nachdem sie von dannen gezogen sind, wird es auch für uns Zeit, aufzubrechen, denn der Wind bringt Kälte zu uns. Deshalb laufe ich auch weiter bis zum Ende mit meinem wärmenden Pulli.


Jörg und ich hatten uns schon im Vorfeld Gedanken über den folgenden Aufstieg gemacht. Auf fünf Kilometern überwinden wir einen Höhenunterschied von fast 600 Metern. Wir haben uns bereits gestern dafür entschieden, nicht den Weg für Fusspilger zu wählen, sondern den für die Fahrradfahrer. Auf der Straße hat man einen sichereren Tritt und muss nicht dauern konzentriert auf den Boden schauen. Die Strecke ist zwar etwas länger, damit können wir aber sehr gut leben. Um 13:30 Uhr erreichen wir die Herberge in La Laguna und bekommen beim CheckIn ein Angebot für ein Upgrade für ein Zimmer für uns gemacht - natürlich gegen Aufpreis. Da hat jemand Geschäftssinn. Trotzdem belohnen wir uns für den heutigen Tag und sind froh über unsere Entscheidung. Die Unterkunft ist gut, unser Zimmer großzügig und wir treffen auch Pieter und Volker wieder.


Mit Volker sitzen wir nach dem Duschen und Wäscheaufhängen zusammen und erleben eine dieser Camino-Geschichte. Er hat vor ein paar Tagen eine besondere Trinkflasche vergessen und wollte zurückgehen, sie zu holen. Dabei begegnete er einem anderen Pilger, der die Flasche mitgenommen hatte. Und dieser Pilger, Guy aus New Orleans, saß nun vor unserer heutigen Herberge. Volker spendiert ihm ein Bier und bittet ihn an unseren Tisch. Es folgt eine tolle Unterhaltung mit dem 71-jährigen. Dann kommen Elke und Matthias aus dem Schwarzwald den Berg und nehmen Guy mit nach O Cebreiro. 


Heute ist uns schon ein Geistlicher aufgefallen, der in seinem grauen Habit und Rucksack unterwegs ist. Beim Wäscheaufhängen beobachten wir, wie er mit einer Amerikanerin einen Gottesdienst zelebriert. Er sitzt uns gegenüber allein an einem Tisch. Ich frage ihn, ob er sich zu uns setzen möchte. Das macht er dann auch nach seiner Mahlzeit. Bruder Joseph stammt aus den USA, lebt aber in Irland und ist Franziskaner. Auch mit ihm tauschen wir uns aus und erfahren einiges aus seinem ersten Leben. Nachdem er sich zurückzieht, wird unser Pilgermenü serviert, Caldo Gallego und Hühnchen mit Reis. Später erfahren wir, dass wir morgen wieder Marion und Uwe treffen werden. Das gemeinsame Abendessen ist damit gesichert und es gibt bestimmt einiges zu erzählen.













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