12.06.2026: Vileil - Gonzar (26,8 km)
Ich sitze vor unserem Zimmer auf einer Bank, bin vorbereitet für den Tag und warte auf Jörg. Es ist viertel vor sechs und der Himmel am Horizont beginnt, allmählich rötlich-orangene Farbtöne anzunehmen. Direkt vor mir ist der abnehmende Mond zu sehen und auf einmal rast mit hoher Geschwindigkeit ein greller Lichtpunkt darunter vorbei. Das ist aber ein schnelles Flugzeug, war mein erster Gedanke. Aber dann erkenne ich, dass der Lichtpunkt in kleine Stücke zerfällt und dann in plötzlich erlischt. Was war das? Ein Meteor mit Schweif? Weltraumschrott, der in der Atmosphäre verglüht? Wer weiß, es war jedenfalls schön anzusehen. Wir laufen jedenfalls wieder pünktlich los und in die Dämmerung hinein. Es gejähr zunächst über eine wenig befahrene Straße, die übersät ist mit den Exkrementen der Rinder, die hier von einer Weide zur anderen getrieben werden. Es riecht jedenfalls nach „frischer Landluft“, nach Freiheit und Abenteuer. Im Wechsel durchlaufen wie auch Wälder und holen unseren ersten Stempel für heute aus einem Kasten vor einer noch geschlossenen Bar.
Gegen 8:00 Uhr legen wir in Morgade unsere Frühstückspause ein - es ist die erste geöffnete Bar. Die haben auch Marion und Uwe aufgesucht, die uns hier mit ihrer Anwesenheit überraschen. Eigentlich war ihr Plan, wie wir bis Gonzar zu gehen, aber sie haben noch keine Antwort auf ihren Anfrage erhalten. Weiter geht auf dem Camino und die Zahlen auf den Monolithen werden immer kleiner. Das bedeutet auch, dass sich die Pilgerreise allmählich dem Ende zuneigt. Daran wollen wir gar nicht denken. In A Peña treffen wir auf einen sehr wichtigen Monolithen, denn darauf ist die Zahl 100 eingeprägt. Nur noch 100 Kilometer bis Santiago de Compostela. Ich habe mal nachgeschaut, seit meinem ersten Schritt auf einem Jakobsweg am 08.10.2008 bin ich bis hierher rund 2400 Kilometer gelaufen.
Wir laufen weiter, fressen Kilometer und kommen gut voran. Allerdings ist das Tempo inzwischen etwas langsamer geworden. Es liegt sicherlich nicht am Höhenprofil. Ich denke einfach mal, dass man sich noch nicht so richtig damit anfreunden kann, dass in ein paar Tagen alles vorbei ist. Gedankenverloren ziehen wir weiter, bis wir in Vilachá eine geöffnete Bar finden, die mit gemütlichen Sitzmöglichkeiten im Innenhof zum Verweilen einlädt. 16,5 Kilometer stehen auf dem Tacho - Zeit für Pause Nummer 2. Es ist jetzt nicht mehr weit bis Portomarín. Zunächst geht es steil abwärts über Naturstufen im Fels, die sehr ungleichmäßig angeordnet sind. Am Ende sind wir am Ufer des aufgestauten Rio Miño, den ich hier in Portomarín bereits an der dritten Stelle überquere. Der Fluss bildet weiter westlich die Grenze zwischen Portugal und Spanien. Schon je zweimal bin ich von Caminha per Boot übergesetzt bzw. zu Fuß über die Ponte de Europa von Valença nach Tui gelaufen. Bevor wir die Brücke überqueren, wird die davor befindliche Freiheitsglocke geläutet. Der Fluss selbst muss ein Paradies für Angler sein, denn es sind von der Brücke viele Fische in allen Größen zu sehen. Das „alte“ Portomarín verschwand in den 1950er/1960er-Jahre mit dem Bau des Belesar-Staudamms. Nur wenige historische Gebäude wurden gerettet, Stein für Stein abgetragen und im „neuen“ Ortszentrum wieder aufgebaut.
Während wir uns ein Eis kaufen - die Anzeige einer Apotheke zeigt inzwischen 25 Grad - bekomme ich von Uwe die Nachricht, dass die Unterkunft in Gonzar completo ist und die beiden in Portomarín bleiben würden. Jörg und ich wählen eine alternative Route, die tatsächlich etwas kürzer ist als die Hauptroute, uns auch nach Gonzar bringt und etwas schattiger sein soll. Es geht auf weichem Waldboden aufwärts und auf dem Boden liegende Blätter verraten, dass am Wegesrand erste Eukalyptusbäume stehen. Für uns verwunderlich ist, dass wir immer noch sehr wenige andere Pilger um uns herum haben. Das ist uns aber auch so völlig ausreichend. Schließlich erreichen wir die Hosteria de Gonzar gegen 13:35 Uhr, müssen aber noch etwas warten bis wir aufgenommen werden.
Beim CheckIn gibt es ein erstes Problem, das aber schnell gelöst wird. Auf der Liste steht nur mein Name, aber mit der Mail kann ich nachweisen, dass ich ein Doppelzimmer reserviert hatte. Das klappt dann auch und das ist auch gut so. Wir müssen auf niemanden Rücksicht nehmen. Nach dem Duschen wird gewaschen - heute mal im Waschbecken. Da wir beide sehr hungrig sind, wollen wir zumindest eine Kleinigkeit essen, Maccaroni und eine Schinkenplatte mit Käse. Dabei stürmt die quirlige Henriette aus Südafrika mit zwei weiteren Pilgern herein. Wir haben uns schon öfter in Herbergen und auf Camino gesehen und ein wenig unterhalten. Nach dem Snack ruhen wir uns etwa aus bevor es am Abend noch ein Pilgermenü gibt.
















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