Sonntag, 24. Mai 2026

An Domingo zu Domingo

24.05.2026: Nájera - Santo Domingo de la Calzada (21,8 km)

Es war laut in der Nacht. Man könnte meinen, der ganze Ort wäre bis 5:00 Uhr in der Früh auf den Beinen gewesen und hätte sich mit eindringlichen Stimmen unter unserem geöffneten Fenster unterhalten. Als endlich Ruhe einkehrt, machen sich die ersten Gäste abmarschbereit. Sehr rücksichtsvoll allerdings. Auch Jörg und ich beginnen allmählich mit den Vorbereitungen, gehören bald zu einigen wenigen, die noch nicht die Herberge verlassen haben. Deshalb können wir das Nachbarzimmer zum Umziehen und Verpacken bei voller Beleuchtung nutzen, ohne die noch Schlafenden zu stören. 


Es ist Sonntag - auf Spanisch Domingo - und wir beenden heute die erste Woche auf dem Camino Frances. Um 7:00 Uhr geht es los, und zwar bergauf über den Alto de Nájera. Wir treffen ein paar bekannte Gesichter wie Nick oder den Pfannenmann (ein Asiate, der eine ganze Küchenausstattung am Rucksack baumeln hat). Dann haben wir das übliche Bild vor Augen: ein lange sichtbarer heller Schotterweg, auf dem sich langsam kleine dunkle Punkte wie Ameisen von uns fortbewegen. Einen ersten Stop legen wir nach rund 7 Kilometern in Azofra ein. Frühstück ist angesagt. Die erste Bar ist überfüllt, wir gehen einfach ein Stück weiter und finden dort ein Plätzchen. Es ist halt wie immer, die meisten nutzen die erstbeste Gelegenheit, anstatt mutig auf die zweitbeste zu warten. Und die sich dann oftmals als die bessere erweist.


Wir lassen uns eine halbe Stunde Zeit, bevor wir wieder losstürmen. Unser Tempo liegt bei fast 5 km/h. Das ändert sich aber schon sehr bald, denn ein fast zwei Kilometer langer Anstieg vor Cirueña verlangt einiges von uns ab. Der Plan war, hier nach weiteren zehn Kilometern noch einmal zu unterbrechen und Flüssigkeit aufzufüllen. Dazu nehmen wir sogar einen kleinen Umweg in Kauf. In der Bar versteht man sein  eigenes Wort nicht, denn es reden circa zwanzig Menschen wild durcheinander. Getränke bestellen und raus auf die Terrasse. Wieder vergeht eine halbe Stunde, bevor es an einem Hopfenfeld (!), Wein und Getreide in Richtung Santi Domingo de la Calzada geht. Schon von weitem sieht man die Stadt, aber vor allem den schnurgeradeaus führenden Wegeverlauf. Ziemlich genau um 13:00 Uhr treffen wir in der Albergue Cofradia Santo ein. Die Bruderschaft wurde von Domingo selbst gegründet und kümmert sich seit über 900 Jahren um Durchreisende Pilger. 


Wir erhalten unsere Betten, dieses Mal lang genug und unten - also keine Klettereinlagen erforderlich. Duschen, Wäsche waschen, erfrischen und Manuela und Uwe treffen, die im selben Haus untergekommen sind. Für den Abend werden wir gemeinsam essen gehen. Während Jörg etwas ruht, suche ich die Kathedrale und das Grab von Domingo auf. Die Kirche ist recht nüchtern gestaltet, lediglich der Hauptaltar, der sich im nördlichen Querhaus befindet und das Baldachingrabmal stechen heraus. Gegenüber dem Grabmal befindet sich etwas höher gelegen der Hühnerkäfig aus dem 16. Jahrhundert, in dem immer ein weißer Hahn und eine weiße Henne untergebracht sind. Hintergrund ist das sogenannte Hühnerwunder. Anschließend steige ich noch die 132 Stufen des separat stehenden Glockenturms der Kathedrale hoch und staune über neun unterschiedlich große Glocken und die tolle Aussicht. Morgen starten wir in die zweite Woche, bisher haben wir 147 Kilometer zurückgelegt.
















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