Donnerstag, 15. Juni 2017

It's a beautiful day, don't let it get away (U2)

Marinhas - Viana do Castelo (21,3 km)

Das war eine Horror Nacht. Nach zwei Stunden gutem Schlaf ging gegen Mitternacht die Katastrophe los.  Unmittelbar neben mir befand sich das Epizentrum einer überdimensionalen Schnarchwelt. Es war kaum auszuhalten.  Eine gute Stunde lang versuchte ich wieder einzuschlafen, was mir aber gänzlich misslang. Also entwickelte ich einen Plan. Ich holte mir aus einem Schrank vier Decken und beteitete mir damit im Wohnzimmer ein Nachtlager auf dem Boden. Das war eine sehr gute Entscheidung, denn ich konnte bis 5:30 Uhr noch einigermaßen gut schlafen.
Bereits am gestrigen Nachmittag hatte ich festgestellt, dass ich mir ein klein wenig Haut unter dem rechten großen Zeh abgerissen habe. Um schlimmerem vorzubeugen klebe ich ein Blasenpflaster darüber. Die Uhr zeigt 7:30 Uhr, als ich die Herberge verlasse. Ich habe mich kurzerhand dazu entschieden, die geplante Strecke etwas zu verkürzen und mit Ben, Lija und Monika heute Abend in der Herberge in Viana do Castelo zu übernachten. Nach wenigen Metern laufe ich an der örtlichen Kirche vorbei, die wegen Fronleichnam bereits geöffnet ist,  und werfe einen Blick hinein. Nach einem kurzen Gebet mache ich mich auf den Weg.
Und wieder werde ich zu Beginn des Tages Reise überrascht: eine ältere Dame über reicht mir freudestrahlend zwei kleine Pfirsiche und wünscht mir eine gute Reise. Wieder eine solche Begegnung, die in Erinnerung bleiben wird. Nach wenigen Schritten durch Marinhas hole ich auch das Epizentrum das Schnarchens ein, nämlich Antonio und Ina, die übrigens hervorragend Deutsch spricht, weil ihr Vater Deutscher war. Eine gute Viertelstunde lang begeite ich die beiden, die scgin gemeinsan den Olavs-Weg in Norwegen gelaufen sind. Dann lasse ich die beiden wieder alleine und ziehe von Dannen. Aktuell ist es noch ein klein wenig neblig.  Ich denke, es dauert aber nicht mehr lange, bis sich der Dunst verzogen hat und der wolkenfreie, sonnige Himmel zum Vorschein kommt.
Gegen 8:15 Uhr erreiche ich in Belinho  eine geöffnete Bar, wo sich schon einige Pilger zum Kaffee niedergelassen haben. Ich bestelle mir bei dem freundlichen Wirt einen Cafe con leche und ein Brötchen mit Schinken und Käse, das frisch zubereitet wird. Als Zugabe erhalte ich noch den ersten Pilgerstempel des heutigen Tages.  Ich darf mich zu zwei jungen Frauen an den Tisch setzen, die sich als Linny und Tina aus der Frankfurter Ecke vorstellen. Die beiden haben die Nacht in der neuen Herberge in Esposende verbracht und waren begeistert. Eine halbe Stunde später mache ich mich wieder auf den Weg und verabschiede mich von den beiden. Wir werden uns wahrscheinlich heute Abend in Viana do Castelo wiedersehen.
Inzwischen ist den Nebelvorhang auch verschwunden und die Sonne kann sich frei entfalten. Und wieder passiert etwas Unvorhergesehenes. Zum ersten Mal habe ich auf dem Caminho in freier Landschaft Netz auf meinem Handy und werde mit einer Nachricht meiner Frau überrascht.
Und diese Überraschungen nehmen kein Ende. Ab einer wunderschönen Stele, beginnt circa zwanzig Meter oberhalb des Rio Neiva ein schmales Tal auf einem Trampelpfad. Das ist Natur pur. Und zugleich ein Genuss für alle Sinne. Es riecht nach Eukalyptus, rechts rauscht der Rio und unsichtbare Vögel tragen dir ein Konzert vor. Dies ist bisher einer der schönsten Abschnitte des Caminhos. Es geht leicht abwärts, und ich muss bei jedem Schritt aufpassen, dass ich auf den felsigen Untergrund keinen falschen Schritt mache. Schließlich erreiche ich an einem kleinen Haus den Rio und überquere diesen über eine schmale Steinbrücke. Dort treffe ich auch meine ersten Wegbegleiter des heutigen Tages und zudem eine finnische Familie. Danach gibt es einen kleinen Anstieg, an dem ich am Wegesrand Ben treffe, der eine Pause macht. Nach einem Smalltalk mache ich mich wieder auf den Weg, wir werden uns später in der Herberge treffen.
Nach den drei ersten flachen Etappen geht es heute zum ersten Mal auch etwas aufwärts. Das ist zunächst ungewohnt und strengt unter der weiter aufziehenden Sonne auch ein klein wenig an. Der Aufstieg in Castelo da Neiva zur Santiago-Kirche mit einem wunderbaren Ausblick. An der Kirche werden die Pilger von einer Pfadfindergruppe in Empfang genommen. Neben einem Pilgerstempel werden wir mit Obst, Brötchen und Getränken versorgt. Die einzige Gegenleistung: ein Lächeln, das wir gerne geben. Der Kirchplatz wird zu einem Sammelbecken von Pilgern. Neben Ben sind auch die Finnen sowie Lija und Monika dort und eine Belgierin.
Anschließend geht es weiter durch kühlen Wald und ich bin immer noch ganz ergriffen von der Herzlichkeit, die uns eben entgegengebracht worden ist. Hier werden wildfremde Menschen mit offenen Armen aufgenommen und versorgt. Da kullern dem Pilger schon am vierten Tag die ersten Tränen aus den Augen vor Rührung. Wie großzügig ist doch Gottes Entschädigung für das unbedeutende Schnarchen in der Nacht, geht es mir durch den Kopf.
Nachdem ich ein ehemaliges Kloster passiert habe, geht es auf wenig befahrenen Landstraßen durch verschlafene Dörfer weiter. In Vila Nova de Anha kann man sich in der Pfarrkirche einen Stempel abholen und sich in das ausliegende Pilgerbuch eintragen. In circa einer halben Stunde sollte ich mein heutiges Tagesziel erreichen. An einer steilen Aufwärtspassage überhole ich ein älteres deutsches Ehepaar, beide tragen die weltbesten Wandersocken von wrightsocks mit der Jakobsmuschel. Die beiden mühen sich hier sehr ab.  Doch schon bald geht es genauso steil abwärts mit schattigen Abschnitten. Von oben kann ich bereits einen Blick auf Viana do Castelo und den Rio Lima erhaschen. Es geht jetzt nur noch abwärts und dann über die Lima-Brücke.
Nachdem wir den ganzen Tag nichts vom Meer gesehen haben, riecht man die See hier förmlich. Denn Viana do Castelo liegt unmittelbar an der Mündung des Rio Lima und hat auch einen eigenen Hafen.
Um 12:30 Uhr stehe ich vor der Albergue São João Da Cruz dos Caminhos, die vom Karmeliterorden zur Verfügung gestellt wird, aber erst um 15:00 Uhr öffnet. Ich vertreibe mir die Wartezeit in einer Bar in einem Park mit einem kleinen Snack. Kurz vor der Öffnungszeit der Herberge begebe ich mich zur Rezeption und werde von Lija, Monika, Ben, Linny und Tina erwartet. Die heutige Besetzung wird komplettiert mit Paul, den beiden Russinen, der Belgierin, weiteren Polen, der Koreanerin Chai, die in Berlin lebt sowie Marja aus den Niederlanden, die Sam, einen Studenten von den Fidji-Inseln unterstützt, der einen behinderten Landsmann mittels Anhänger zieht. Dazu sind noch Gäste aus Portugal und Spanien da.
Die letzte Überraschung des Tages kam gegen Abend: der Autor des Pilgerführers für Caminho Portugues,Raimund Joos,schaute auf einer Recherchetour in unserer Herberge rein, und später trafen wir ihn sogar beim Abendessen zu einem netten Plausch.







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