Montag, 22. Juni 2015

Galizischer Regen trifft die beste Entscheidung des Tages

22.06.2015: Von Porrino nach Cesantes (18 km)

Nach unserer Mammut-Tour von gestern und dem großen Schlafsaal in der Herberge von Porrino hatten wir uns schon auf eine unruhige Nacht eingestellt. Wie üblich, werden die öffentlichen Herbergen zu einer bestimmten Uhrzeit geschlossen und bald darauf geht auch das Licht aus. In Ponte de Lima hatten wir schon einmal das Vergnügen mit ein paar Amerikanern, die um 4.00 Uhr mit entsprechendem Lärmpegel ihren Abmarsch vorbereiteten. Aufgrund der guten Belegung vermuteten wir heute Ähnliches. Dazu kam noch hohe Raumtemperatur, die auch durch sämtliche geöffneten Fenster und Türen nicht merklich reguliert werden konnte. Draußen war es sogar besser auszuhalten, als in der Herberge. Wieder Erwarten gestaltete sich der Aufbruch der anderen Pilger sehr unaufgeregt. Um 4.45 Uhr wachte ich erstmals auf und sah, wie neben Jörg ein Mann seine Sachen zusammen packte und dabei versuchte, jegliche Nebengeräusche zu vermeiden. Erst über zwei Stunde später wachte ich erneut auf und beobachtete weitere Pilger beim geräuscharmen Verpacken. So rücksichtsvoll sollte es eigentlich immer geschehen. Kurz darauf stand ich auf und erledigte meine Morgentoilette. Anschließend war auch Jörg wach und wie begannen mit unseren Vorbereitungen. Inzwischen sind beide Schlafsäle bis auf weitere vier Pilger wie leergefegt. Wir ziehen vor der Herberge unsere Schuhe an, unterhalten uns noch ein wenig mit einem jungen Pärchen aus Köln und geben noch ein paar Tipps. Um 7.45 Uhr brechen auch wir auf. Zunächst geht es auf einer Ausfallstraße und Nebenwegen heraus aus Porrino. An einer unübersichtlichen Ecke stoßen wir anscheinend auf eine nicht im Buch beschrieben Variante, die uns trotzdem nach rund sechs Kilometern nach Mos bringt. Auf dem Weg dahin haben wir einige Pilger mit auffällig kleinen Tagesrucksäcken überholt. In Mos zeigt sich auch erstmals die kommerzielle Seite des Caminos, denn vor uns befindet sich ein kleiner Shop, in dem man alles kaufen kann, was der Pilger braucht und auch nicht. Ich nehme aber trotzdem ein paar Pins als Andenken mit. Um die nächste Ecke herum machen wir schon die nächste Pause - denn da ist eine Bar. Wir bestellen uns zum Frühstück ein Bocadillo und verzehren diesen zufrieden. Kurz darauf macht noch das österreichische Paar (das wir vor drei Tagen im Steilstück getroffen hatten) ebenfalls eine Kaffeepause, die wir zu einem kurzen Gespräch nutzen. In der weiteren Folge müssen wir zwei kürzere, dafür aber steile Anstiege bewältigen. Nach dem letzten Anstieg überholen wir wieder einige andere Pilger, die wir während der Pause vorbei ziehen lassen mussten. Wir durchqueren Wald und haben einen schönen Blick auf Retondela, der jedoch ein wenig durch die heutige Bewölkung eingetrübt ist. Dafür sind die Temperaturen aktuell nicht so hoch, die Luftfeuchtigkeit sorgt trotzdem für Schweiß auf der Haut. Der Abstieg nach Retondela ist nicht minder beschwerlich wie der Aufstieg - es ist Langsamkeit angesagt, sonst geht das zu sehr in die Oberschenkelmuskulatur. Und dann ereilt uns etwas, das wir in der ersten Woche noch gar nicht hatten und was auch nicht angekündigt war: Regen! Es tröpfelt zwar erst nur leicht, aber wir ziehen vorsichtshalber die Regenhüllen über die Rucksäcke, bevor wir weitergehen. Vom Regen abgelenkt, verpassen wir eigentlich alles in der Stadt, in der eigentlich die nächste Pause geplant war. Wir entscheiden uns, einfach weiter zu laufen und versuchen, zunächst in Cesantes eine Unterkunft zu finden. Im Pilgerführer wird Maries Herberge, die eigentlich Refuxio de la Jerezana heißt, angepriesen. Sollten wir dort kein Bett mehr bekommen, laufen wir halt noch ein paar Kilometer bis nach Arcade. Der Regen nervt jetzt doch ein wenig, auch wenn er immer noch nicht sehr stark ist. Bei Marie haben wir Glück: es sind noch ausreichend Betten frei. Marie, die Betreiberin des Refugios mit spanischen Wurzeln, stammt aus Baden-Baden und lebt nach ihrem Studium seit circa zehn Jahren in Spanien. Seit einem Jahr besteht das Refugio, das sehr liebevoll und mit ihren eigenen Pilgererfahrungen gestaltet wurde. Sie sorgt dafür, dass der Aufenthalt angenehm ist. Marie stellt dafür nicht nur Betten und Dusche zur Verfügung, sondern besorgt für den Abend auch ein Pilgermenü, hat Waschmaschine und Trockner und bietet bei Bedarf sogar die Vermittlung einer Massage an. Da ist Jörg sofort mit dabei, die hat er sich nämlich gestern schon gewünscht - und das Universum hat mal wieder geliefert. Wir fühlen uns jedenfalls sauwohl und freuen uns auch über die netten Gespräche mit ihr. Dabei erzählt sie von ihren Plänen, Ideen  und auch Sorgen. Für ihre Vorhaben wünschen wir ihr ein gutes Gelingen.



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